Waffenrecht: Amoklauf von Winnenden Alles ganz normal

Das Urteil gegen den Vater des Amok-Schützen von Winnenden ist gefallen. Doch die Politik hat nichts aus dem Massaker gelernt: Noch immer sind Millionen legale Schusswaffen in Privatbesitz.

Ein Gastbeitrag von Roman Grafe

Roman Grafe, geboren 1968, ist Sprecher der Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!" 2009 sprach er als Sachverständiger im Innenausschuss des Bundestages zum Waffenrecht.

In Großbritannien wurden nach dem Schulmassaker in Dunblane 1996 private Faustfeuerwaffen verboten. In Deutschland dagegen wurden aus dem Amoklauf von Winnenden keine ausreichenden Konsequenzen gezogen.

(Foto: AP)

"Unsere Kinder haben am 11.März 2009 den Preis bezahlt für das Versagen der Familie K.", sagte die Nebenklägerin Barbara Nalepa am Ende des Winnenden-Prozesses im Landgericht Stuttgart. Ihre Tochter Nicole und vierzehn weitere Schüler, Lehrer, Passanten wurden beim Amoklauf des Tim K. erschossen, mit einer legalen Sportwaffe. Der angeklagte Jörg K. hatte seinen psychisch auffälligen Sohn im Schützenverein an der Mordwaffe ausgebildet und die Pistole vom Typ Beretta vorschriftswidrig im Wäscheschrank aufbewahrt. Der Prozess, in dem an diesem Donnerstag das Urteil gefallen ist, zeigt eine private und gesellschaftliche Normalität, deren tödliche Gefahren unvermindert sind.

Ein ganz normaler Mensch sei Tim K. gewesen - "wie jeder andere auch" -, erklärte sein Freund Dennis R. als Zeuge vor Gericht. Ganz normal auch die gemeinsamen Killerspiele am Computer: "Man geht halt durch die Räume und zielt auf den Kopf, weil der Kopf gibt mehr Punkte." Noch am Tag vor dem Schulmassaker sei Tim "ganz normal" gewesen, ruhig wie immer. "Bis zu diesem furchtbaren Geschehen waren wir eine ganz normale Familie", beteuerten Tims Eltern ein paar Tage danach.

Das Haus der Familie K. sei mit "schwachsinnigem Tötungspotential" angefüllt gewesen, formulierte ein Opfer-Anwalt, mit "großkalibrigem Protz-Werkzeug". In der Familie sei das "obskure, mit Waffen gepflasterte Zimmer des Sohnes" halt so zur Kenntnis genommen worden.

Selbst nach dem Gemetzel in Winnenden haben Legalwaffen-Besitzer nachweislich hundertfach ihre Schießeisen unverschlossen aufbewahrt - im Nachttisch, im Kleiderschrank, als Wanddekoration. Dabei gibt es allein in Bayern etwa eintausend Haushalte, in denen legal Schusswaffen liegen und gleichzeitig depressive, möglicherweise suizidgefährdete Jugendliche wohnen. Dennoch hat die Staatsanwaltschaft im Winnenden-Prozess auf eine spürbare Bestrafung des Angeklagten verzichtet und nur eine Bewährungsstrafe beantragt. Eine solche symbolische Strafe würde nicht abschreckend, sondern bagatellisierend wirken. Damit vernachlässigt die Staatsanwaltschaft die dringend erforderliche Generalprävention, obwohl die nächsten Opfer von tödlichen Sportwaffen nur eine Frage der Zeit sind.

Bis heute dürfen rund zwei Millionen Sportschützen mit den gleichen Waffen trainieren, wie sie bei den Amokläufen in Erfurt, Winnenden und Lörrach verwendet wurden: Glock, Pumpgun, Beretta, Walther. Alles ganz normal. So begünstigt das deutsche Waffenrecht Mordserien.

Die dafür verantwortlichen Regierungsparteien, ebenso wie die kampfstarken Sportschützen-Verbände, nehmen die absehbaren Folgen des laschen Waffengesetzes nach wie vor in Kauf - den Preis dafür werden wieder andere zahlen. Menschen wie die Winnender Realschülerin Nicole Nalepa und ihre Familie.