Vietnamesen in Deutschland "Nur Bildung führt weg vom Reisfeld"

Menschen mit vietnamesischen Wurzeln gelten als erfolgreichste Zuwanderer - Gesundheitsminister Philipp Rösler ist nur ein Beispiel.

Von Roland Preuß

Man wüsste gerne, ob Du-Vi Hong versteht, was seine Tochter da gerade gesagt hat. "Er wäre gerne der Chef", hat Le-Chi Helga lachend über ihren Vater erklärt - und der lächelt freundlich, anstatt zu toben, wie es das hochrespektierte Familienoberhaupt nach vietnamesischer Tradition eigentlich hätte tun müssen. Aber Vater Hong hat über die Jahre gelernt, dass so erfrischend freche Kinder in Deutschland zum Familienleben gehören. Und dieses Leben wollte er ja damals, 1979, als er aus Vietnam über das Meer nach Deutschland floh.

Das kann jeder schon an seinen Kindern sehen. Sie heißen Le-Phuong Marion, Le-Chi Helga, Vinh-Duc David und Vinh-Khanh Jürgen - jeder Name ein Brückenschlag in die neue Heimat. Du-Vi Hong und seine Frau haben sich von Anfang an auf diese Gesellschaft eingelassen. Selbstbewusste Kinder sind nicht das einzige Ergebnis geblieben. Die Hongs haben es in der schwäbischen Kleinstadt Aalen vom Bootsflüchtling zum Reihenhaus-Besitzer gebracht, seit dreißig Jahren schuftet das Ehepaar für wenig Lohn, doch drei der vier Kinder studieren, der vierte Sohn, Jürgen, ist auf dem Weg zur Fachhochschulreife.

Es gibt Tausende solcher Beispiele: Etwa 100.000 Vietnamesen und Vietnamesischstämmige leben in Deutschland, sie sind eine kleine Gruppe unter den 15 Millionen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte - und die wohl erfolgreichste, trotz schlechter Voraussetzungen: Die Vietnamesen kamen einst als Flüchtlinge in den Westen oder in die DDR als Vertragsarbeiter, das ist die Ost-Version der Gastarbeiter. Einmal Unterschicht, immer Unterschicht - die Vietnamesen durchbrechen diesen Zirkel.

Rösler ist nur ein Beispiel

Das bekannteste Beispiel ist Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, er wurde 1973 als Säugling von Deutschen adoptiert. Dass ausgerechnet einer aus Vietnam erster Minister mit ausländischer Herkunft wurde, passt gut ins Bild der erfolgreichen Vietnamesen - allerdings mit einem großen Schönheitsfehler: Rösler wuchs bei Deutschen auf, er selbst bezeichnet sich als "Deutscher durch und durch". Deshalb debattieren viele Vietnamesen, ob Philipp Rösler eigentlich ein "echter" Vietnamese ist.

Rösler ist nur ein Beispiel, der Erfolg der Vietnamesen lässt sich auch an Zahlen festmachen: Mehr als die Hälfte ihrer Kinder schaffen es in Mecklenburg-Vorpommern aufs Gymnasium, in Thüringen zählt man sogar fast 63 Prozent pro Jahrgang - deutlich mehr als unter den einheimischen Kindern. Auch beim größten Stipendienprogramm für Schüler aus Zuwandererfamilien, dem "Start-Programm", sind Vietnamesen weit überdurchschnittlich vertreten. Nur bei der Arbeitslosigkeit schneiden sie noch schlechter ab als die Einheimischen. Trotzdem: "Die Vietnamesen sind eine der am besten integrierten Zuwanderergruppen in Deutschland", sagt die brandenburgische Integrationsbeauftragte und Potsdamer Professorin Karin Weiss. Fragt sich nur: Warum?

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Gründe für die gute Integration.