Vietnam Tod der Obersten Schildkröte

Vietnams Trauer um ein Kriechtier spiegelt die tiefen Konflikte eines Landes im Umbruch.

Von Arne Perras, Singapur

Eine Schildkröte ist tot. Und ganz Vietnam in Trauer. Ausgeprägte Tierliebe wird den Schmerz nationalen Ausmaßes kaum ausreichend erklären, zumal der vietnamesische Gaumen auch Fleisch von Reptilien nicht verschmäht. Ein Wesen wie Cu Rua allerdings galt als unantastbar. Das Tier ist diese Woche in Hanoi gestorben. Alle verehrten Cu Rua, den "Urgroßvater", obgleich sich herausstellte, dass der vermeintliche alte Herr eine alte Dame war. An der Bedeutung des Seebewohners änderte das nichts.

Cu Rua verkörperte einen Mythos, der noch heute auf Bühnen des Wasserpuppentheaters nachgespielt wird. Da segelt ein Held namens Le Loi über die Wogen, um mit einem magischen Schwert die chinesischen Eroberer zu vertreiben. Die Waffe bekam er von der goldenen Schildkröte Kim Qui, die das Schwert nach seinem Sieg wieder zurücknimmt.

So heißt das Gewässer, wo Cu Rua seine Runden drehte, bis heute "See des zurückgegebenen Schwertes." Die Legende reicht zurück ins 15. Jahrhundert. Schon damals wollte Vietnam kein Vasall der Chinesen sein. Beide Seiten führten Kriege gegeneinander. Und immer noch verfolgt die Vietnamesen die Angst vor einem übermächtigen China, das sie in ihrer Unabhängigkeit bedrohen könnte.

So mächtig ist das Symbol der Schildkröte, dass ihr Tod die herrschende Kommunistische Partei in Unruhe versetzt. Es ist ungünstig, dass die Trauer um Cu Rua nun zusammenfällt mit dem KP-Kongress. Die Funktionäre wollen vermeiden, dass der Tod als schlechtes Omen gedeutet wird. In schwierigen Zeiten steckt die Partei ohnehin, in der Führung tobt ein Machtkampf. So weit ging die Sorge, dass die staatliche Zensur versuchte, die Nachricht über Cu Rua zu unterdrücken: "Um den Parteikongress jubelnd zu begrüßen, sollten Medien erst einmal nicht über den Tod der Schildkröte berichten", hieß es in einer Anweisung. Als das nicht durchzusetzen war, erhielten Reporter den Hinweis, sie sollten "wissenschaftlich" berichten.

Cu Ruas Ableben sehen manche als ein schlechtes Omen

Das Ende von Cu Rua machte schnell die Runde. Die einen sahen es als schlechtes Omen, andere glaubten an das Gegenteil: "Vielleicht ist es gar kein Zeichen von Unglück, vielleicht bedeutet es Erneuerung", so lautete ein Kommentar auf Facebook. Tatsächlich steckt Vietnam in einem komplizierten Wandel. Die KP sucht nach Wegen, wie sie die Wirtschaft liberalisieren und mehr Freiheiten gewähren kann, ohne die Kontrolle zu verlieren.

Was aber hat Cu Rua umgebracht? War es Krankheit oder das Alter? Die Experten wissen es noch nicht. Auch sie sind geknickt, schließlich gibt es nun weltweit nur noch drei Jangtse-Riesenweichschildkröten. Cu Rua soll mehr als hundert Jahre alt geworden sein. Die Behörden überlegen, ob sie das Tier konservieren. Es wäre dann in Gesellschaft mit einem anderen einbalsamierten Helden.

Im Mausoleum liegt gekühlt und aufgebahrt für die Nachwelt: der Revolutionär Ho Chi Minh. Er wollte das nicht so. Der letzte Wille der Schildkröte ist nicht bekannt.