Vielfalt in der Schule Die Macht der Erwartung

SZ-Grafik; Quelle: Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration; Stand: 2014​

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Lehrer benachteiligen Migrantenkinder bisweilen unbewusst. Dabei könnten sie deren Bildungschancen ganz leicht verbessern.

Von Susanne Klein

Lehrer stehen der kulturellen und religiösen Vielfalt in Deutschland insgesamt etwas liberaler gegenüber als die Gesamtbevölkerung. So glaubt nur jeder Zehnte, dass Muslime das Sozialsystem belasten, in der Gesamtbevölkerung ist dagegen jeder Fünfte dieser Meinung. Auch tolerieren Lehrer eher den Bau von Moscheen und verbinden etwa die Kriterien "akzentfreies Deutsch" und "deutsche Vorfahren" weniger stark mit dem Deutschsein.

Dies zeigt die Studie "Vielfalt im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte gute Leistung fördern können", die diesen Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Sie geht der Frage nach, inwiefern sich die Einstellungen und Erwartungen von Lehrkräften auf den Bildungserfolg von Kindern aus Migrantenfamilien auswirken und wie sich negative Effekte ausgleichen lassen. Ein Ansatz, der in Deutschland noch relativ neu ist. Dass Migrantenkinder hier geringere Bildungschancen als ihre Mitschüler haben, ist ob zahlreicher Studien unbestritten, in der Ursachenforschung stehen aber zumeist andere Aspekte im Vordergrund: der Bildungshintergrund der Eltern, mangelnde Sprachkenntnisse, die Konzentration von Migranten in bestimmten Wohngebieten und Schulen oder das Schulsystem an sich. Die Frage, welche Rolle Lehrer bei der Benachteiligung spielen, wurde wenig beachtet.

Für die jetzige Untersuchung haben Integrations- und Migrationsforscher der Berliner Humboldt-Universität und des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration in einem gemeinsamen, von der Mercator-Stiftung unterstützten Projekt kooperiert. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass sich trotz der größeren Aufgeschlossenheit der Lehrkräfte in deren Ansichten auch Vorbehalte mischen: Jeder siebte Lehrer hält Muslime für aggressiver als die Bevölkerungsgruppe, zu der er sich selbst zählt; mehr als jeder dritte glaubt, sie seien nicht im gleichen Maße bildungsorientiert.

Inwiefern solche Einstellungen auf den Unterricht abfärben, untersuchten die Forscher direkt im Klassenzimmer: Sie begleiteten in Essen mehr als 1000 Kinder und 70 Lehrer durch das erste Schuljahr. Dabei registrierten sie, dass Lehrer von türkischstämmigen Kindern etwas schwächere Leistungen erwarten als von anderen Schülern, sie etwas seltener aufrufen und sich weniger lange mit ihnen beschäftigen.

Kinder verinnerlichen es schnell, wenn die Pädagogen nicht an ihre Fähigkeiten glauben

Auch wenn die Unterschiede im Lehrerverhalten nicht gravierend seien: Skepsis gegenüber ihren Fähigkeiten verinnerlichen Kinder schnell, warnen die Studienautoren. Sie würden sich dann weniger zutrauen und schneller aufgeben. "In Prüfungen kann so ein erheblicher Druck entstehen. Dann führt der negative Erwartungseffekt dazu, dass Schüler schlechter abschneiden", sagt Mohini Lokhande, Psychologin im Sachverständigenrat. Mit ihrem Team erprobte Lokhande bei mehr als 800 Berliner Siebtklässlern eine Methode, wie Lehrer den Negativeffekt abfedern können: durch Selbstbestätigung. Vor einem Mathematiktest wählten die Jugendlichen aus dreizehn Punkten die beiden für sie wichtigsten, etwa Sport, Familie, Religion oder Musik. Dazu verfassten sie eine kurze Begründung. So schrieb ein Schüler: "Mir ist meine Familie sehr wichtig da wir einander da sind wir helfen einander, mach viel zusammen haben uns lieb."

Die sogenannte selbstbestätigende Intervention funktionierte. Bei dem Mathetest schnitten die türkisch- und arabischstämmigen Schüler der Interventionsgruppe besser ab als die der Kontrollgruppe - auch noch bei einem zweiten Test acht Wochen später. Die Leistungslücke zu den Mitschülern schloss sich um 43 Prozent. "Das ist keine Magie", erklärt Lokhande, "sie waren durch ihren Erfolg motivierter. Das wiederum merkten die Lehrer, die ihnen dann mehr zutrauten. So entsteht eine Aufwärtsspirale." Nun wünscht sich Lokhande, dass Lehrer die Methode nutzen - als "Mosaikstein", der "in einem hochwertigen Unterricht" dabei hilft, den Bildungserfolg von Schülern zu verbessern.