Verteidigungsminister de Maizière auf dem Kirchentag Unter zahmen Kriegsgegnern

Nur Spruchbänder, keine Buhrufe oder Parolen: Verteidigungsminister de Maizière spricht auf dem evangelischen Kirchentag in Hamburg über Auslandseinsätze der Bundeswehr. Eigentlich ein heikler Termin, für jemanden, der den Einsatz von bewaffneten Drohnen gutheißt. Doch es kam anders.

Von Carsten Eberts, Hamburg

Als der Bundesverteidigungsminister die Bühne betritt, kommen auch die Spruchbänder. "Bundeswehr abschaffen", steht auf einem grellgelben Plakat. Daneben prangt: "Es ist Krieg. Entrüstet euch." Thomas de Maizière beobachtet die Plakatträger aus dem Augenwinkel, richtet den Blick dann wieder auf den weißen Stehtisch vor ihm. Nur Spruchbänder, keine Buhrufe oder Parolen. Das hatte er wirklich schon schlimmer erlebt.

Für eine Diskussion zum Thema "Willkommen zu Hause? Auslandseinsätze - Verantwortung und Folgen" ist de Maizière auf den Hamburger Kirchentag gekommen. Ohnehin ist es der Tag der Politprominenz: Vormittags redet Angela Merkel, nachmittags ihr Herausforderer Peer Steinbrück - eine Art vorgezogenes Kanzlerduell vor Protestanten.

De Maizière lauscht zwei Stunden seinen Vorrednern, es geht um traumatisierte Soldaten und deren Angehörige. Ein Mann aus Afghanistan berichtet, wie deutsche Soldaten in seinem Land gesehen werden. Dann spricht de Maizière. Der Empfang ist: kühl, aber freundlich.

Ein wenig heikel ist sein Auftritt schon, er hätte auch schief gehen können. Auf dem Kirchentag ist die Ideologisierung in den vergangenen Jahren zwar ein gutes Stück zurückgefahren worden, trotzdem würde sich die Mehrheit der Besucher noch immer als Kriegsgegner bezeichnen. Ein Minister, der den Einsatz von bewaffneten Drohnen gutheißt und das Vorhaben nach der Bundestagswahl im Herbst im Parlament verabschieden will, ist da ein eher kritisch beäugter Gast.

Vor drei Wochen musste de Maizière seinen Vortrag abbrechen

Wie seine Drohnen-Pläne ankommen, hat de Maizière andernorts zu spüren bekommen. Im Dezember in Leipzig brachten Studierende einen Vortrag des Ministers zum Abbruch. Vor drei Wochen an der Humboldt-Universität in Berlin kam de Maizière wieder nicht zu Wort; als sich das Publikum nicht beschwichtigen ließ, tippte de Maizière das Wort "Schade" in den Laptop, der das Beamerbild an die Wand warf - und ging. "Das hat keinen Zweck", sagte er zu den Journalisten.

In Hamburg darf de Maizière reden. Ohne Unterbrechung sogar. Vor Jahrzehnten hätte ein Verteidigungsminister auf dem Kirchentag noch Hallen voller Empörter gefüllt. Diesmal ist die Halle B7 auf der Hamburger Messe halbleer. Ein wenig Protest gegen die Militärseelsorge, wie auf Kirchentagen üblich, ein Mann sammelt Stimmen für die Konversion der Bundeswehr in einen zivilen Hilfsdienst. Vielleicht 20 Aktivisten üben stillen Protest. Mehr nicht.

Im Gespräch mit Renke Brahms, dem Friedensbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland, reitet de Maizière durch die Krisenherde der Welt - Afghanistan, Syrien, Mali - und nutzt die gute Stimmung, um für seine Truppe zu werben. Die Ausbildung werde ständig verbessert, auch im zivilen Bereich. Er habe eine gesteigerte Wertschätzung für die Soldaten in der Gesellschaft ausgemacht, sagt der Minister und mahnt trotzdem: "Man kann diesen Menschen einfach mal Danke sagen. Das müssen wir in dieser Gesellschaft noch besser hinkriegen."

"Wir diskutieren miteinander, das ist ein Gewinn"

Als das Thema auf den möglichen Ankauf von Drohnen zu sprechen kommt, gibt es sogar Lob für de Maizière. Nicht für die Sache, aber für den Dialog, den der Minister in der vergangenen Woche mit den Kirchen gesucht hat. Brahms lobt, er habe noch nie einen Verteidigungsminister erlebt, der eine öffentliche Debatte über die Einführung neuer Waffensysteme führe. "Wir diskutieren miteinander", sagt er, "das ist ein Gewinn."

Große Hoffnungen auf einen schnelleren Abzug der deutschen Truppen macht de Maizière indes nicht. "Die Ziele am Anfang von Afghanistan waren zu optimistisch, zu menschenrechtlich aufgeladen", sagt de Maizière. Daraus habe man gelernt. Man müsse nüchtern werden, realistische Ziele setzen, "und im Zweifel sagen, dass es länger dauert".

Noch länger im Krieg? Auch auf diese Worte gibt es auf dem Kirchentag keinen Unmut. Die Plakatträger haben die Halle B7 längst verlassen.