Vergewaltigungen in Indien "Der derzeitige Kampf um Fragen der Sexualität ist einzigartig"

"Sagt uns nicht, wie wir uns anziehen sollen, sondern verbietet ihnen, zu vergewaltigen": Der Missbrauch mehrere Männer an einer jungen Frau in einem öffentlichen Bus hat in Indien heftigen Protest ausgelöst

(Foto: AFP)

Die Vergewaltigung einer 23-Jährigen hat in Indien zu einer Diskussion über die Rolle der Frau geführt. Im Interview erklärt der US-Soziologe David Jacobson, warum Frauenrechte in vielen Teilen der Welt gerade im Mittelpunkt gesellschaftlicher Konflikte stehen.

Von Nakissa Salavati

Mitte Dezember 2012 wird eine 23-jährige Studentin in Delhi, Indien, von mehreren Männern vergewaltigt und mit einer Eisenstange malträtiert. Im Krankenhaus stirbt sie an ihren Verletzungen. Der Fall treibt in Indien Menschen auf die Straßen, Frauen skandieren: "Sagt uns nicht, wie wir uns kleiden sollen, sondern verbietet ihnen, zu vergewaltigen." Zum ersten Mal diskutiert die Gesellschaft offen über die Rolle der Frau, über alltäglichen Sexismus und sexuelle Übergriffe.

David Jacobson, Professor für Soziologie an der Universität Florida, forscht über Menschenrechte und die Rolle der Frau in unterschiedlichen Gesellschaften. Die indische Debatte verbindet er mit den Diskussionen über Schulbildung in Afghanistan oder über Abtreibung in den USA.

David Jacobson ist Professor an der University of South Florida. Er hat an der London School of Economics und an der Princeton University studiert und ist weltweit als Gastdozent tätig, darunter am Sciences Po in Paris sowie an den Universitäten Heidelberg und München.

Sein Buch Of Virgins and Martyrs: Women and Sexuality in Global Conflict ist kürzlich in den USA erschienen. Im Interview erklärt er, warum die Stellung der Frau immer wieder Auslöser für globale, gesellschaftliche Konflikte ist.

Süddeutsche.de: In Indien wird eine Frau vergewaltigt - und manche geben ihr sogar eine Mitschuld.

David Jacobson: Es ist faszinierend, dass etwas so Schreckliches wie eine Vergewaltigung so unterschiedlich bewertet wird. Während die Vergewaltigung in Gesellschaften Europas und der USA einen eindeutigen, extremen und geächteten Missbrauch der Frau darstellt, gilt sie in sehr patriarchischen und traditionellen Gesellschaften oft als eine Form des Ehebruchs.

Der Fall in Indien hat in vielen Teilen der Welt einen Konflikt ausgelöst. Warum?

Es ist sehr auffällig, dass die weibliche Sexualität und der Status der Frau zu einem Prüfstein globaler Konflikte geworden ist. Es gibt zahlreiche Beispiele: die Schulbildung in Afghanistan oder die Diskussion über ein Burkaverbot in Frankreich. Umfragen zeigen: Das Thema spaltet westliche Länder und muslimische Staaten des Nahen Ostens, Zentralasiens und Nordafrika so sehr wie kein anderes. Es gibt also einen tiefen, globalen Konflikt zweier Ansichten: Das Konzept der Ehre auf der einen Seite und das Konzept der Selbstbestimmung auf der anderen. Diese Auseinandersetzung bestimmt auch Indien.

Was hat eine Vergewaltigung mit Ehre zu tun?

Eine Vergewaltigung bedeutet in patriarchischen Gesellschaften nicht die Verletzung der Frau, sondern des männlichen Besitztums an der Frau. Eine missbrauchte Frau gilt zum Beispiel in Indien als entehrt. Ihre Ehre kann sie etwa wieder herstellen, wenn sie den Vergewaltiger heiratet. Patriarchische Familien und Gemeinschaften versuchen, Frauen zu kontrollieren: Sie bestimmen, dass die Frau vor der Ehe Jungfrau sein muss, sie geben ihre Rolle in der Familie oder ihre Kleidung vor. In diesen Gesellschaften entscheidet das Geschlecht über den sozialen Status. Die Verteidigung der Ehre liegt in der Hand des Mannes, er muss daher "seine" Frau beschützen. Der Körper der Frau gehört der Gemeinschaft.

Das Gegenkonzept ist das der Selbstbestimmung: Unser Körper gehört uns selbst. In einer solchen Gesellschaft definieren sich Mann und Frau über Konsum, Karriere, Mode, Reisen und verschiedene Arten der Selbstpräsentation gegenüber Anderen und sich selbst. Diese zwei Konzepte haben starke Auswirkungen darauf, wie wir uns definieren. Sie bestimmen, wie wir unsere Partnerschaften leben, ob wir heiraten oder auch, unter welchen Bedingungen wir arbeiten.

Frauen waren auch in Europa und den USA lange nicht selbstbestimmt.

Ja, vor dem 16. Jahrhundert war das Patriarchat weltweit verbreitet. Dann machte die Reformation in Europa liberale Ansichten zu Ehe und Scheidung gesellschaftsfähig. Ein aktueller Grund dafür, dass das Patriarchat in weiten Teilen der Welt bröckelt, ist die Globalisierung. In den achtziger Jahren haben sich die globalen Wirtschaftsbeziehungen vertieft. Damit einher ging etwas, das weder mit Weltansicht noch Moral zu tun hat: Frauen werden als Arbeitskraft unabdingbar. Gerade in Ländern, die an die globale Wirtschaft angeschlossen sind, hat sich die Situation der Frauen, zum Beispiel im Bereich der Bildung, besonders verbessert.