Vereinte Nationen UNHCR-Bericht: 65 Millionen Menschen auf der Flucht

Auch in Asien gibt es riesige Flüchtlingsströme: Mehr als 700 Migranten sind in ein Boot an der Südküste Myanmars gepfercht.

(Foto: dpa)
  • Weltweit sind mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht, davon 41 Millionen in ihrem Heimatland.
  • Der Bericht verdeutlicht: Europa, wo sich viele überfordert fühlen, trägt einen relativ kleinen Teil des globalen Phänomens, 4,4 Millionen Flüchtlinge. Und 2,5 Millionen von diesen schultert die Türkei.
  • Was die Menschen verjagt, ist fast immer menschengemacht - Kriege und Konflikte, die Gewalt der Natur ist weniger brutal.
Von Andrea Bachstein

Es können manchmal nackte Zahlen und Statistiken sein, die erschüttern, weil sie Dimensionen von Leid vermitteln, die kaum fassbar sind. Was das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR ) zum Weltflüchtlingstag an diesem Montag mitteilt, gehört in diese Kategorie: Weltweit sind 65,3 Millionen Menschen auf der Flucht, so der Stand Ende 2015. Das heißt, es sind in einem Jahr fast sechs Millionen mehr geworden. Noch nie zuvor wurde die Marke von 60 Millionen Geflüchteten und Vertriebenen überschritten.

Ihr Volk ist nun so umfangreich wie die Einwohnerzahl Großbritanniens. Und mehr als die Hälfte von ihnen, 51 Prozent, sind unter 18 Jahre alt, nicht wenige fliehen ohne Familie. Allein in Deutschland stellten 2015 mehr als 14 000 unbegleitete Minderjährige Antrag auf Asyl.

Das UNHCR muss in seinem Jahresbericht "Global Trends" wieder mit Negativ-Zahlen aufwarten, mit Tendenzen, die neue, schlechte Rekorde der Menschheit für das laufende Jahr erwarten lassen. Auf die Weltbevölkerung umgerechnet, ist einer von 113 Menschen auf der Flucht, die meisten in ihren Ländern - fast 41 Millionen. Es mutet manches fast wie Zahlenspielerei an, was der UNHCR errechnet, um das globale Drama abzubilden. Das Ergebnis erschreckt doch: So werden pro Minute 24 Menschen vertrieben, 34 000 an jedem Tag.

Was die Menschen verjagt, ist fast immer menschengemacht - Kriege und Konflikte, die Gewalt der Natur ist weniger brutal. Dass die Zahlen nicht sinken, liegt nicht nur an neuen Konflikten wie in Burundi oder im Jemen, wo nun 2,5 Millionen Flüchtlinge sind, oder dem Ukraine-Krieg, der 1,6 Millionen Menschen im Land flüchten ließ. Bestehende Konflikte dauern an, schaffen Generationen von Flüchtlingen. Schon Jahrzehnte kommen etwa Afghanistan oder Somalia nicht zur Ruhe.

Die Hälfte der jüngst zur Flucht gezwungenen Menschen kommt aus Syrien

Aus den Daten erkennt der UNHCR auch, dass die Weltpolitik seit Ende des Kalten Krieges immer weniger fähig ist, solche Konflikte zu lösen, das Ringen um Frieden in Syrien ist nur ein Fall. Der Krieg dort, Ursache der größten Fluchtbewegung der Welt, geht ins sechste Jahr, ist dabei, dauerhaft zu werden. 2015 kam die Hälfte aller neu zu Flüchtlingen gewordenen Menschen von dort. Mittlerweile hat es die Hälfte der bei Kriegsausbruch 2011 etwa 24 Millionen Syrer getroffen. 6,6 Millionen im Land, 4,9 Millionen außerhalb. Vor allem in der Türkei, im Libanon und in Jordanien harren sie aus, ändern durch ihr erzwungen Bleiben die Gastländer.

Auf 1000 Einheimische kommen im Libanon 183 Flüchtlinge. Es könnten sich neue Städte bilden. Zaatari in Jordanien, mit 70 000 Bewohnern zweitgrößtes Flüchtlingscamp der Welt, zeigt erste Züge. Ehe 2011 der Krieg jenseits der nahen Grenze zu Syrien begann, war dort nur wüstenartige Ödnis und ein Dorf. Öde ist das Camp weiter, die Syrer müssen mit Containerbehausungen auskommen. Doch haben sich auch informell Strukturen entwickelt wie in einem normalen Ort, Symbol ist die Geschäftsstraße "Champs Élysées". Das UNHCR schafft gerade Infrastrukturen für das Wasser- und Abwassermanagement wie für eine richtige Stadt.

Auf einer Weltkarte bildet die UN-Organisation die Lage ab, auf allen Kontinenten markieren Kreise die Anwesenheit von Flüchtlingen. Die Ländergrenzen verblassen hinter dieser Kartografie des Leids. Europa, wo 2015 eine Million Flüchtlinge eintrafen, hat viele kleinere und winzige Kreise, Afrika ist gesprenkelt, auch mit größeren Kreisen. Den Nahen und den Mittleren Osten bedecken die größten. So zählt Pakistan 1,5 Millionen Flüchtlinge, eine Million in Iran, rund 1,1 Millionen im winzigen Libanon, 4,4 Millionen Iraker sind im eigenen Land vertrieben, und weiter im Westen ist der allergrößte Kreis für die 2,5 Millionen Menschen, die die Türkei aufgenommen hat, so viele Flüchtende aus einem anderen Staat wie sonst kein Land. Die Konzentration ist gewaltig im Nahen Osten und Nordafrika, 19,9 Millionen Flüchtlinge sind dort. Darunter eine große Gruppe, die etwas in Vergessenheit gerät, wohl weil sie so lange zur Weltbevölkerung der Flüchtlinge gehört: 5,2 Millionen Palästinenser.

Auch aus Sub-Sahara-Afrika meldet der UNHCR Höchststände. Dort sind 4,4 Millionen Menschen auf der Flucht. Südsudan, Zentralafrikanische Republik und Somalia mit ihren Dauerkonflikten schaffen endlos Fluchtdramen, dazu kommen Massenvertreibungen in Nigeria, Burundi, Sudan, der Demokratischen Republik Kongo und Mosambik. Äthiopien liegt auf der Weltrangliste der zehn Staaten mit den meisten Flüchtlingen mit 750 000 Menschen schon auf Platz fünf, sieben bis zehn nehmen Kenia, Uganda, Demokratische Republik Kongo und Tschad ein. Länder, deren Armut eigene Bürger zu Migranten macht.

Der Bericht verdeutlicht aber auch: Europa, wo sich viele überfordert fühlen, trägt einen relativ kleinen Teil des globalen Phänomens, 4,4 Millionen Flüchtlinge - so viele wie das arme Sub-Sahara-Afrika. Und 2,5 Millionen von diesen schultert die Türkei.