USA und Iran Eingebildete Feindschaft

Es gibt keine Erbfeindschaft zwischen den USA und Iran - jedenfalls nicht zwischen den Menschen. Dass das Verhältnis der Regierungen derart zerrrüttet ist, geht auf historische Fehler zurück. Irans neuer Präsident Rohani scheint daraus lernen zu wollen.

Ein Kommentar von Rudolph Chimelli

Bei den Völkern der arabischen Welt ist Amerika nicht beliebt, auch wenn viele ihrer Regenten treue Vasallen Washingtons sind. Ganz anders in Iran, das mit den USA seit mehr als drei Jahrzehnten in ruinöser Fehde lebt. Fast als Einzige lieben die Perser - nicht ihr Regime - Amerika, seine Lebensformen, seine Musik und andere Kulturprodukte. Viele iranische Familien haben Angehörige in Amerika. Allein in Los Angeles, genannt "Tehrangeles", leben mindestens 600.000 Iraner. Der Besucheraustausch ist lebhaft, die Auswanderungssehnsucht junger Iraner groß. Es gibt keine Erbfeindschaft zwischen den USA und Iran.

Historisch gesehen, ist die Zerrüttung des Verhältnisses ein Ausnahmezustand. Und erstmals besteht nun dank der neuen Politik von Präsident Hassan Rohani und der gewandelten Einschätzung der US-Interessen im Nahen Osten unter Barack Obama Aussicht, den Zwist beizulegen.

Der Erbfeind waren für die Iraner immer die Briten. Sie hatten das Land einst mit dem Zaren in Interessensphären aufgeteilt und sich den Zugriff auf das persische Erdöl gesichert. Die Iraner wurden nur mit Trinkgeldern beteiligt. Als ein chronisch bankrotter Schah einem Briten das einträgliche Tabak-Monopol übertrug, brach landesweit ein Rauchboykott aus, an dem sich sogar die Frauen des Herrschers beteiligten. Die Tabakproteste mündeten in der Verfassungsbewegung, die Revolution von 1906 und die Einberufung des ersten Parlaments.

Wie sähe Iran, wie sähen die Beziehungen zu den USA aus, wäre der einzige demokratisch legitimierte Regierungschef in der Geschichte des Landes, Mohammed Mossadegh, nicht 1953 durch einen von CIA und Briten inszenierten Staatsstreich gestürzt worden, weil er das Erdöl verstaatlichte? Nach Meinung eines vorzüglichen englischen Biografen Mossadeghs hätte Iran unter dessen Führung außenpolitisch dem Westen zugeneigt, es wäre durch sein Erdöl an die kapitalistische Welt und durch vorsichtige Freundschaft an die USA gebunden gewesen, aber auch höflich gegenüber dem mächtigen sowjetischen Nachbarn im Norden. Innenpolitisch wäre Iran in einem Ausmaß demokratisch gewesen, wie es im Nahen Osten jener Zeit unter Diktaturen und Scheindemokratien undenkbar war. In die Gegenwart übersetzt, ist dies ziemlich genau das Land, das Rohani sich wünscht.

Der Putsch gegen Mossadegh und ein Vierteljahrhundert massiver amerikanischer Unterstützung für die Schah-Diktatur sind die Wurzeln des großen Zerwürfnisses. Durch sie erhielt die Islamische Revolution von 1979 von Anfang an eine antiamerikanische Stoßrichtung. Das nächste Kapitel schrieben die Iraner mit der Erstürmung der amerikanischen Botschaft in Teheran durch radikale Studenten und die Geiselnahme der US-Diplomaten. Bis heute begreifen nur relativ wenige Iraner, dass dies das kostspieligste Abenteuer ihrer Geschichte war. Die USA, bis dahin zu einem Modus vivendi mit der antikommunistischen Islamischen Republik bereit, wurden zu unversöhnlichen Feinden. Sie unterstützten den Angriffskrieg des Irakers Saddam Hussein und lieferten ihm noch Informationen über die iranische Truppenaufstellung, als dieser schon die auf Basra vorstoßenden Revolutionsgardisten zu Tausenden mit Giftgas tötete. Von "roten Linien" war damals nicht die Rede - Saddam Hussein galt als laizistisches Bollwerk gegen die grüne Flut, bevor er später zum "neuen Hitler" mutierte. Drei US-Präsidenten strebten nicht nach einem Arrangement mit Teheran, sondern nach einem Regimewechsel.

Von der amerikanisch dominierten Weltordnung fühlten sich die Iraner äußerst schlecht behandelt. Der UN-Sicherheitsrat sah in dem irakischen Angriff keine Gefahr für den Weltfrieden. Er brauchte mehr als zwei Jahre, um einen Truppenrückzug beider Seiten zu fordern. Als Saddam Hussein hingegen Kuwait angriff, kam eine Resolution für den bedingungslosen Rückzug der Iraker binnen zwölf Stunden zustande.

Für die Iraner war dies eine Lektion: Sie können sich nicht auf die UN, die Genfer Konventionen oder die Weltmeinung verlassen, sondern nur auf sich selber. Oberstes Ziel ist seither für das Regime wie für die große Mehrheit der Unpolitischen im Land, Iran davor zu bewahren, durch eine militärische Intervention der Amerikaner in die katastrophale Lage der Nachbarn Irak und Afghanistan zu geraten. Die Frage heute ist, wie lange noch statt Vernunft die traumatische Vergangenheit die Beziehungen bestimmen soll. Iran braucht Amerika und den Westen, um aus seiner wirtschaftlichen Misere herauszukommen. Für die Aufhebung der Sanktionen wird Teheran bereit sein, einen hohen Preis zu zahlen. Es wäre sträflich, diese Chance zu verpassen.