US-Wahlkampf Die Familie greift durch

Verliert der Feldzug an Stoßkraft? Ein Anhänger Donald Trumps hält ein Foto, das den Kandidaten auf einem Panzer zeigt.

(Foto: LM Otero/AP)

Auf Druck seiner Kinder feuert Donald Trump den Wahlkampfmanager. Die Republikaner hoffen auf professionellere Strukturen in seiner Kampagne - und dass der Milliardär endlich Spenden sammelt.

Von Matthias Kolb, Washington

Donald Trump ist besessen von Zahlen. In jedem Interview zitiert er Umfragedaten und betont, als Geschäftsmann Zahlen besser als jeder andere interpretieren zu können. Doch zu interpretieren gibt es nichts an jenen Werten, die gerade über Trumps Wahlkampagne bekannt wurden: Der Republikaner beschäftigt gerade mal 69 Angestellte, für Hillary Clinton arbeiten 685. Trump, der sich selbst als Multimilliardär bezeichnet, hatte Anfang Juni nur 1,3 Millionen Dollar zur Verfügung, während die "Kriegskasse" der Demokratin mit 42 Millionen Dollar prall gefüllt ist.

Dass im konservativen Establishment nun Panik herrscht, liegt auch daran, dass seit Juni alle Umfragewerte von Clinton nach oben zeigen (44 Prozent) - und Trumps Zahlen nach unten (38 Prozent). Eineinhalb Wochen nach dem Anschlag in Orlando scheint klar zu sein, dass die besserwisserische Reaktion des Milliardärs und seine antimuslimischen Sprüche viele US-Wähler offenbar abschrecken. Der steigende Druck auf Trump führt nun zu einer Entscheidung, wie sie jeder Kandidat treffen könnte: Der 70-Jährige hat am Montag seinen Wahlkampfmanager gefeuert.

Hinter dem Rauswurf von Corey Lewandowski steckt laut US-Medien vor allem Tochter Ivanka. Trumps "Lieblingskind" hatte den 42-Jährigen seit Monaten kritisiert. Das Verhältnis des aufbrausenden Lewandowski zur Presse gilt als zerrüttet: Journalisten verspotteten ihn als "Bodyguard", weil dieser selten von Trumps Seite wich. Ende März war Lewandowski in Florida wegen des Vorwurfs der Körperverletzung vernommen worden, nachdem er eine junge Reporterin rabiat von Trump weggezogen und sich anschließend in Lügen verstrickt hatte.

Damals stellte sich Trump, der Loyalität mehr schätzt als Polit-Erfahrung, noch hinter den Wahlkampfmanager. Doch laut CNN stellte Tochter Ivanka ihrem Vater ein Ultimatum: Wenn Lewandowski bleibe, mache sie nicht mehr mit. Die 34-Jährige wirft Lewandowski nicht nur vor, der Marke Trump zu schaden: Er soll Journalisten mit wenig schmeichelhaften Details über ihren Ehemann Jared Kushner versorgt haben, um diesen zu diskreditieren. Da Kushner informeller Berater seines Schwiegervaters ist, wiegt dieser Vorwurf schwer.

Damit war die Sache entschieden, denn noch wichtiger als Loyalität ist Donald Trump die eigene Familie. Als Lewandowski am Montagmorgen im Trump Tower kritische Fragen der Trump-Söhne Eric und Donald jr. nicht beantworten konnte, folgte der Rauswurf. Sicherheitsleute begleiteten den Mann auf die Straße, dessen Strategie stets aus vier Worten bestand: "Lass Trump Trump sein."

Lewandowskis Entmachtung überschattete auch die Nachricht über einen mutmaßlichen Attentatsversuch auf Trump in Las Vegas. Ein 19 Jahre alter Brite namens Michael Sandford hatte am Samstag bei einer Wahlkampfveranstaltung versucht, einem Polizisten die Waffe zu entreißen. Bei einer Anhörung am Montag sagte Sandford vor Gericht, er habe den Milliardär töten wollen. Die Ermittlungen laufen. Der hektische Personal-Umbau zeigt nicht nur, wie groß der Einfluss der Trump-Kinder auf die Wahlkampfkampagne ist. Tochter Ivanka, die im Familienunternehmen aktiv ist, fällt die Aufgabe zu, ihren Vater weich zu zeichnen und dessen Image als Sexist zu entkräften - gerade weil Ehefrau Melania weiter das Rampenlicht scheut.

Trotz zeitlichen Vorsprungs wirkt Trumps Kampagne auf viele amateurhaft

Der zweite Gewinner der Affäre heißt Paul Manafort. Der 67-Jährige mit jahrzehntelanger Erfahrung als Wahlkampfberater arbeitet seit April für den Milliardär. Die konservative Partei-Elite hofft, dass er Trump überzeugen kann, konventioneller aufzutreten. So soll zumindest verhindert werden, dass die Republikaner die Mehrheit im US-Senat verlieren.

Auf Chef-Organisator Manafort warten viele schwere Aufgaben. Wegen des wochenlangen Streits hat Trump wertvolle Zeit verstreichen lassen: Obwohl er sich seine Nominierung einen Monat vor Clinton sicherte, wirkt seine Organisation weiter amateurhaft. Seit Mai hat Trump keine TV-Werbespots gebucht. Das Clinton-Team hingegen strahlt seit Wochen Clips aus, die Trumps Sprüche über Frauen, Latinos und Muslime enthalten oder seine Eignung fürs Weiße Haus anzweifeln.

Das Verhältnis des Trump-Lagers zu den Funktionären des Republican National Committee (RNC) gilt als angespannt. Der Milliardär will dem RNC die Details des Wahlkampfs, etwa das Sammeln von Daten und die Organisation in wichtigen swing states, überlassen. Doch er weigert sich, konservative Milliardäre am Telefon zu überreden, der Partei oder sympathisierenden Organisationen große Summen spenden. Dies ist jedoch dringend nötig, um den Rückstand auf Hillary Clinton zu verkürzen. Die Demokratin hat die besten Leute aus Obamas exzellent organisiertem Wiederwahl-Team angeheuert und dürfte den Rekordwert von mindestens 1,5 Milliarden Dollar einwerben.

Die Erwartungen an Manafort sind auch deshalb so groß, weil der parteiinterne Widerstand gegen Trump nicht abnimmt. Unter dem Motto "Befreit die Delegierten" haben sich etwa 400 Funktionäre zusammengeschlossen, die beim Parteitag Mitte Juli in Cleveland frei nach ihrem Gewissen abstimmen und so Trumps Kür in letzter Minute verhindern wollen. Diese Änderung in den Statuten ließe sich mit einfacher Mehrheit beschließen - und das Argument der Rebellen lautet, dass Trump sich nicht um die Partei kümmere und nicht wertkonservativ genug sei.

Diese Revolte ließe sich leicht beenden, wenn Trump die unangenehmen Seiten des Kandidaten-Daseins annähme und um Spenden bitten würde, die auch dem Kongresswahlkampf seiner Partei zugute kämen. Dass ihn Manafort und seine Kinder dazu drängen, gilt als sicher. Doch auch wenn sich "Trump 2016" professionalisiert, hat sich am Grundprinzip nur wenig verändert. Die einzige Person, die Donald Trump überzeugen könnte, sein Auftreten zu ändern, heißt Donald Trump.