Enthüllung über US-Geheimdienste Erschreckende Erkenntnisse vom nächsten Insider

Edward Snowden ist immer noch der berühmteste, aber nicht mehr der einzige Geheimdienst-Whistleblower.

(Foto: AFP)

47 000 Personen auf der No Fly List und eine ganze Stadt unter Generalverdacht: Geheimdokumente belegen, dass US-Dienste weiter maßlos Daten sammeln und Hunderttausende verdächtigen. Es gibt offenbar einen neuen Whistleblower - oder sind es mehrere?

Von Frederik Obermaier

Die Geheimdokumente, die Dienstagnacht an die Öffentlichkeit gelangten, sind Dokumente der Maßlosigkeit: Die amerikanischen Sicherheitsbehörden halten demnach etwa eine Million Menschen für potenzielle Terroristen, eine Stadt im US-Bundesstaat Michigan, in der besonders viele Muslime leben, steht unter besonderer Beobachtung. Außerdem finden sich 280 000 Menschen auf einer Verdächtigenliste der US-Behörden, die selbst in den Augen der Ermittler gar keine bekannten Verbindungen zu Terrorgruppen haben. Wer hoffte, dass die amerikanischen Geheimdienste aus den jüngsten Skandalen gelernt haben, wird damit - erneut - eines Besseren belehrt.

Biometrische Daten von 130 000 Menschen

Eines der Dokumente, das dies besonders anschaulich macht, kommt daher wie eine Infografik, wie sie tagtäglich auch in Zeitungen und Zeitschriften zu finden sind: Balkendiagramme, Landkarten, viele Zahlen. Mit brisanten Informationen: Demnach haben die US-Behörden eine Datenbank mit den biometrischen Daten von 130 000 Personen angelegt. 62 794 Menschen werden beobachtet, weil sie den Taliban nahestehen sollen, 21 199 der Hamas und 11 275 der kolumbianischen Guerilla. Waren es 2001 lediglich 16 Leute, die in Amerika keine Flugzeuge besteigen durften, sind es heute 47 000. Tendenz steigend.

Veröffentlicht hat die aufschlussreichen Dokumente das Enthüllungsportal The Intercept, das von Ebay-Gründer Pierre Omidyar finanziert und vom Snowden-Vertrauten Glenn Greenwald geleitet wird. In einem ausführlichen Artikel analysierten und kritisierten die Intercept-Autoren die Datensammelwut der US-Dienste. Sie enthüllen, dass die CIA ein Programm namens "Hydra" nutzt, das im Verborgenen Datenbanken anderer Staaten durchsucht und absaugt.

Es sind erschreckende Erkenntnisse. Und doch klingen sie irgendwie bekannt. Sie klingen nach Snowden - oder besser gesagt: der zigsten Enthüllung in einer nicht enden wollenden Reihe. Seit mehr als einem Jahr vergeht fast keine Woche, in der nicht eine Zeitung, eine Zeitschrift oder Internetseite unter Berufung auf Dokumente des Whistleblowers einen Skandal oder ein Skandälchen aufdeckt. Und doch ist diesmal offenbar vieles anders.

Mindestens eine neue Quelle

The Intercept legt seine Quellen in der Regel offen, sofern dies der Quellenschutz erlaubt. Bislang hieß es dann, man habe aus "Dokumenten, die der NSA-Whistleblower Edward Snowden zur Verfügung gestellt hat", dieses oder jenes erfahren. Dieses Mal ist aber lediglich von "einer Quelle in der Geheimdienstgemeinde" die Rede. Auf einem Dokument, das auf der Homepage von The Intercept einzusehen ist, steht außerdem ein Datum: August 2013.

Zu diesem Zeitpunkt war Snowden schon längst auf der Flucht, er lebte bereits im Moskauer Exil. Als Quelle für die neueste US-Geheimdienst-Enthüllung scheidet er also aus.

Wer aber hat den Journalisten von The Intercept dann die Dokumente zugespielt, wenn es nicht Snowden war? CNN berichtete am Mittwoch, die amerikanischen Geheimdienste suchten nun einen Verräter in den eigenen Reihen. Einen zweiten Edward Snowden.

Die US-Nachrichtendienste suchen nach einem Verräter in den eigenen Reihen

Derzeit ist noch unklar, wie viele Dokumente den Journalisten zugespielt worden sind, wie geheim sie sind, und aus welchem Zeitraum sie stammen. Bislang hat The Intercept nur einige wenige Seiten veröffentlicht. Es handelt sich um Dokumente, die mit dem Label "Secret" versehen sind, viele der Abertausenden Dokumente aus dem Fundus von Edward Snowden dagegen waren noch geheimer: "Top secret".

Was man schon jetzt mit ziemlicher Sicherheit sagen kann: Snowden ist längst nicht mehr der Einzige, der verräterisches Material aus dem Innersten der amerikanischen Geheimdienste an die Öffentlichkeit bringt. So berichtete der Spiegel Ende 2013 über eine NSA-Abteilung namens "Acess Network Technology", die geheime Hintertüren in Computer-Hardware, etwa Server, einbaue, um die Nutzer zu überwachen. Die Quelle für diese Enthüllung war dem Vernehmen nach nicht Snowden. Auch der Bericht des Spiegel, wonach das Handy von Angela Merkel abgehört wurde, soll nicht - oder nicht nur - auf Snowden-Material basieren, so jedenfalls wird es in Berlin gemunkelt.

Und nach Berichten von NDR und WDR über den geheimen Quellcode des Spähprogramms X-Keyscore schrieb Glenn Greenwald auf Twitter: "Es scheint klar zu sein, dass es einen zweiten NSA-Informanten gibt." Die Berichte stammten also offenbar nicht aus dem Fundus von Snowden - denn den kennen wohl nur wenige Menschen so genau wie Greenwald.

Womöglich müssten die amerikanischen Geheimdienste also nicht nach einem zweiten Edward Snowden fahnden, sondern bereits nach einem dritten - womöglich gar einem vierten.