US-Drogenpolitik Al Capone der Neuzeit

Die Drogenpolitik der USA ist eine irrwitzige Forsetzung der Prohibition. Lateinamerikanische Länder liefern den Stoff und die Toten - die USA die Waffen und das Geld. Einen Ausweg gibt es nur, wenn diese Waffen und dieses Geld besser kontrolliert werden - durch legale statt illegale Geschäfte. Eine Legalisierung von zunächst Marihuana ist überfällig.

Ein Kommentar von Peter Burghardt

Vor vier Jahrzehnten begannen die USA ihren Krieg gegen die Drogen, das Ergebnis füllt Konten und Friedhöfe. In Kolumbien, Afghanistan und anderen Produktionsländern starben Zehntausende am Kampf um Kokain, Marihuana oder Heroin. An der Schlacht beteiligen sich Armee, Paramilitärs, Guerilleros, Taliban.

Allein in Mexiko wurden je nach Statistik 60.000 bis 100.000 Morde gezählt, seit der nun scheidende Präsident Felipe Calderón 2006 die Streitkräfte ins Gefecht schickte. Die Leichen werden immer mehr - Rauschgift und Profit ebenfalls. Der Konsum sank nie. Calderóns Nachfolger Enrique Peña Nieto, jetzt vereidigt, und US-Kollege Barack Obama täten gut daran, nach einer Alternative zu suchen.

Die Prohibition von Alkohol hatte in den 1920er- und 1930er-Jahren vorgemacht, dass ein Verbot alles nur schlimmer macht. Damals mordete und bestach die Gang von Al Capone. Schnaps wurde gepanscht, und schließlich beendeten die USA den zwecklosen Kampf und erhoben Steuern. Längst ist es undenkbar, Bier, Wein oder Whisky zu verbieten. Auch käme niemand auf die Idee, die Weinberge von Bordeaux zu vergiften oder Münchens Oktoberfest zu schließen. Ein Joint zu viel dagegen bedeutet mancherorts Gefängnis. US-Zellen sind voll von Kleindealern. Und im Süden Amerikas werden Felder besprüht, und Kleinbauern geraten zwischen tödliche Fronten. Die Sucht lässt sich aber nicht mit Soldaten und Paragrafen besiegen.

Eine Legalisierung von zunächst Marihuana ist längst überfällig. Die US-Bundesstaaten Colorado, Washington und eventuell Oregon wollen Cannabis als Genussmittel erlauben und nicht nur zu medizinischen Zwecken. Da hätte Mexikos Gefecht noch weniger Sinn, denn viele Verbraucher dürften künftig selbst pflanzen; mexikanische Kriminelle würden Milliarden-Einnahmen verlieren. Uruguay will das Kraut sogar staatlich anbauen. Die Bekämpfung der Droge richte mehr Schaden an als die Droge selbst, argumentiert die Regierung - und sie hat recht. Sie will den Schwarzmarkt austrocknen und die Steuergewinne für die Suchtbetreuung verwenden.

Solche Ideen sind gewagt, aber vernünftig. Die Freigabe unterstützen längst nicht bloß Linke, sondern auch Liberale wie der Schriftsteller Mario Vargas Llosa oder das Blatt Economist. Selbst viele ehemalige und einige aktive Präsidenten Lateinamerikas verlangen einen Kurswechsel. Bisher liefern ihre Länder den Stoff und die Toten - und die USA die Waffen und das Geld.

Einen Ausweg gibt es nur, wenn diese Waffen und dieses Geld besser kontrolliert werden. Wenn legale statt illegaler Geschäfte den Preis für den Stoff senken. Wenn Kartelle nicht mehr halbe Staaten kaufen können. Bisher jedoch ist die Drogenpolitik eine irrwitzige Fortsetzung der Prohibition. Die US-Angriffe auf Mexikos Cannabis-Plantagen starteten in den 1970er-Jahren in der Region Sinaloa - heute ist das Sinaloa-Kartell eine der mächtigsten Verbrecherorganisationen der Welt. Anführer Joaquín El Chapo Guzmán wurde Milliardär. Ein Al Capone der Neuzeit.