Urwahlforum der Grünen Vier Lektionen der Parteiprofis

Ein Philosoph, ein Zimmermann und ein letzter Pazifist: Beim ersten Forum der Kandidaten für die Grünen-Urwahl treffen in Hannover Hobbypolitiker auf die Parteiprofis. Jürgen Trittin kokettiert mit seinem Image als Öko-Terrorist, Renate Künast erzählt, wie sie einst bunte Drachen sah. Eine Lehrstunde in grüner Rhetorik.

Von Jannis Brühl, Hannover

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, und dieses Bild sagt, wer das Sagen hat bei den Grünen. Beim Gruppenfoto vor der ersten Debatte zur Urwahl stellen sich die Profis instinktiv in die erste Reihe: die omnipräsente Parteichefin Claudia Roth; die Vizepräsidentin des Bundestages Katrin Göring-Eckhardt; die Fraktionschefs Jürgen Trittin und Renate Künast.

Die Grünen beim Urwahl-Forum: Werner Winkler (v.l.), Jürgen Trittin, Katrin Göring-Eckardt, Franz Spitzenberger, Anja Piel, Roger Kuchenreuther, Renate Künast, Patrick Held, Claudia Roth, Peter Zimmer und Thomas Austermann.

(Foto: dapd)

Hinter ihnen stehen, noch etwas unsicher, die Amateure, die unbekannten Kandidaten, die sich mit ihnen um die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl 2013 bewerben: zum Beispiel Peter Zimmer aus Niederbayern, in der Weste eines Landwirts und Sandalen. Oder der Franke Roger Kuchenreuther, ein kräftiger Zimmerer mit Backenbart.

Ein Klinkerbauviertel in Hannover. Am Eingang der Halle "12 Apostel" neben einer Kirche brennen Fackeln, drinnen schmücken Sonnenblumen die Bühne. Zehn der 15 Kandidaten stellen sich hier zum ersten Mal der grünen Basis, den Landesverbänden Niedersachsen und Bremen. Anfang des Monats haben die Delegierten auf ihrem Parteitag entschieden, die beiden Spitzenkandidaten per Urwahl durch die Mitglieder bestimmen zu lassen. Ein Novum in Deutschland, eine Mini-Version jener Show, die in Amerika primaries - Vorwahlen - heißen. Die Basis und nicht Mauschelei im Hinterzimmer soll darüber entscheiden, wer die Partei ins Rennen gegen Schwarz-Gelb führen wird.

Wie die primaries in den USA

Urwahl bedeutet, dass die vier etablierten Kandidaten, die seit Jahren die öffentlichen Gesichter der Grünen sind, sich mit den politischen Frischlingen allen Landesverbänden stellen müssen. Sechs Amateure sitzen nun mit den vier Profis auf der Bühne. Jeder hat drei Minuten für eine Kurzrede, danach beantworten alle Fragen aus dem Publikum und dem Internet.

Chancen werden keinem der Unbekannten - allesamt Männer - eingeräumt. Dafür tragen sie ihr Herz auf der Zunge. Werner Winkler beschwört den Geist der Basisdemokratie: "Wir sagen den Berufspolitikern: Wir lassen euch nicht mehr alles allein machen." Ihm ist es zu verdanken, dass Jürgen Trittin und Claudia Roth nicht längst als Spitzenduo nominiert sind. Der Hobbypolitiker aus dem schwäbischen Waiblingen kündigte im Früjahr an, zu kandidieren. So erzwang der 48-Jährige den Beschluss zur Urwahl. Vor dem Forum scherzt er noch: "Wenn Trittin zurückzieht, habe ich eine Chance." Denn nur einen der beiden Plätze kann ein Mann besetzen. Mindestens einen muss eine Frau übernehmen.

Einige der neuen Kandidaten wollen hier loswerden, was sie schon lange beschäftigt. Der 53-jährige Kuchenreuther schimpft in breitem Fränkisch über den Euro und irritiert das Publikum: "Diese ganzen Südländer haben uns ein ganz schönes Paket aufgehalst." Das ist nicht gerade grüne Parteilinie, aber so ist das mit der Basisdemokratie: Sie kennt viele Stimmen.

So wie die von Thomas Austermann, die vom Krieg erzählt. Der Kandidat aus Essen ist Pazifist und empört sich über den "Dammbruch" von 1999, den Kosovo-Krieg. Deutsche Soldaten dürften nur im Verteidigungsfall kämpfen. Beeindruckender ist Patrick Held. Der Philosophie-Student dreht seine Baseball-Cap nach hinten, bevor er sich vorstellt. Dann fragt er ins Mikro: "Was würdest du sagen, wenn du drei Minuten Zeit hättest?" Inhaltlich beschränkt sich seine Rede auf das Thema Klimawandel, doch das Selbstbewusstsein, mit dem der erst 24-Jährige aus Bayreuth frei vorträgt, bringt ihm Schulterklopfen von erfahrenen Grünen ein. Sie sollten ihn für die nächste Urwahl im Auge behalten.