Erderwärmung und Klimakrise tragen den gleichen Kern wie die Finanzkrise und die Immobilienkrise: Es ist leicht, über die eigenen Verhältnisse zu leben - und es lebt sich sogar eine Weile gut damit. Nur selten sehr lange.
Was die Folgen der Zügellosigkeit, auch der Zukunftsvergessenheit angeht, hat die jüngere Zeit wertvolle Erkenntnisse geliefert. Da wären etwa die Millionen amerikanischen Haushalte, die vor wenigen Jahren mit billigem, geliehenem Geld teure Immobilien kauften. Als der Immobilienmarkt zusammenbrach, waren auch die Kredite nicht mehr gedeckt. Banken gingen in die Knie, mit ihnen brach die Weltwirtschaft ein. Der Rausch endete im Desaster, den größten Schaden sollten Milliarden beheben: sogenannte "Konjunkturprogramme".
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Europas Staatsleute, wie viele ihrer Kollegen in aller Welt, gaben über Jahrzehnte hinweg mehr aus, als sie einnahmen. Sie bekamen ja auch Kredit, zu tilgen von Bürgern, die zum Zeitpunkt der Verschuldung noch gar nicht geboren waren. Als aber die Geldgeber zu zweifeln begannen, ob sie ihr Kapital je wiedersehen, als sie kein Geld mehr geben wollten oder das nur zu einem hohen Preis, gerieten Staaten ins Straucheln und ihre gemeinsame Währung gleich mit. Wieder wurden die Milliarden nötig, sogenannte "Rettungsschirme". Ob sie retten, ist ungewiss, ob sich etwas ändert, erst recht.
Es könnten dies Lehrstücke sein für eine noch folgenreichere Krise - die der Erderwärmung. Wieder nimmt ein Kollektiv der Gegenwart einen Kredit auf, mit offener Laufzeit. Nichts anderes bedeutet es, wenn über Generationen hinweg eine Wirtschaftsform gepflegt wird, die Kilowatt mit Kohle macht und Kilometer mit Öl; die in Kauf nimmt, dass die Atmosphäre mehr Treibhausgase aufnehmen muss als je zuvor. Am Zusammenhang zwischen Treibhausgasen und Erderwärmung gibt es kaum einen Zweifel mehr, am großen Konsens der Verschwender allerdings auch nicht. Klimakrise wie Finanzkrise wie Immobilienkrise tragen alle den gleichen Kern: Es ist leicht, über die eigenen Verhältnisse zu leben, und es lebt sich sogar eine Weile gut damit. Nur eben selten sehr lange.
Insofern ähneln sich die Probleme - nicht aber die Lösungen. Die Klimakrise schleicht leise daher, sie lässt sich nur manchmal blicken. Etwa wenn Abgeordnete in Thailand erwägen, eine neue Hauptstadt zu suchen, weil Bangkok immer häufiger überflutet wird; wenn Rückversicherer erneut ein Rekordjahr melden, was die Schäden durch Naturkatastrophen betrifft; wenn in Russland öfter die Wälder brennen und Dürren im Osten Afrikas in immer kürzeren Abständen verzeichnet werden. Das Unheil flackert nur hier und da auf, aber die Signale verdichten sich. Wenn erst die Massen die Klimakrise spüren, dann wird sie so teuer sein, dass kein Rettungsschirm mehr hilft. Die Rechnung kommt spät, aber sie wird kaum zu bezahlen sein.
Nur anderes Wachstum hilft
Zu allem Unglück versagt in der Klimakrise auch noch die beliebte Methode "viel hilft viel". Die meisten jüngeren Probleme westlicher Wohlfahrtsstaaten ließen sich mit zusätzlichem Wachstum lösen: Überbordende Staatsschulden lassen sich durch eine florierende Ökonomie lindern; ebenso die Belastung der Rentenkassen infolge des demographischen Wandels; ebenso Probleme wie eine wachsende Bevölkerung und Landflucht in den aufstrebenden Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas. Wachstum taugt aber nicht, den Klimawandel zu bewältigen. Der nämlich erfordert nicht mehr von allem, sondern weniger, er erfordert Dämpfung. So tappen sie alle gemeinsam in die Falle: Hat die Klimakrise die Staaten erst erreicht, wird sie die Bewältigung anderer Krisen zwangsläufig erschweren. Es sei denn, die Welt steuert rechtzeitig um.
Nächste Woche beginnt im südafrikanischen Durban der 17. Versuch. 16-mal schon sind die Staaten im Wissen um den Klimawandel zusammengetreten. Beim 15. Versuch, vor zwei Jahren in Kopenhagen, hätten sie einen Durchbruch erreichen können, verfingen sich aber in der Widersprüchlichkeit ihrer Interessen. Womöglich vertagen sie sich bei Nummer 17 darauf, bei Nummer 21 im Jahr 2015 doch noch ein neues Abkommen auszuhandeln, das dann bis zur 26. Konferenz fünf Jahre später in Kraft treten könnte. Fern wäre der Aufbruch, doch selbst dieses Szenario droht zu scheitern.
In Durban gelangt die Staatengemeinschaft an eine Weggabelung: Sie kann aus den jüngsten Krisen lernen, oder sie kann es sein lassen. Wenn die Politiker verstanden haben, dann bestimmen sie jetzt die Ereignisse, ehe die Ereignisse die Politik bestimmen. Konkret: Sie verabreden ein neues Klimaabkommen mit festen Regeln für alle, auszuhandeln in den nächsten drei, vier Jahren. Es wäre die wohl einzige Chance, die Kette aus Kredit, wachsender Tilgungslast und sicherem Kollaps zu durchbrechen.
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Inwiefern hilft die deutsche Energiewende vom Frühjahr bei der Erreichung von Klimazielen, und könnte sogar "Strahlkraft" haben?
Mit der Energiewende ist vor allem beschlossen worden, die Atomkraft durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Damit tragen die Erneuerbaren in den nächsten 10 Jahren in D nicht zum Klimaschutz bei, denn die eine klimafreundliche (wenn auch gefährliche) Art der Energiegewinnung wird durch die andere klimafreunliche (aber ungefährliche) ersetzt.
Einen Beitrag zum Klimaschutz hätte die Energiewende, wenn mit den Erneuerbaren die fossilen Kraftwerke in D ersetzt würden. Das wird wohl erst ab den 20er Jahren dieses Jahrhunderts passieren. Stattdessen werden Braun- uns Steinkohle in den nächsten Jahren die deutsche Klimabilanz weiter belasten.
"Strahlkraft" für den Klimaschutz hätte die Energiewende, wenn sie die Bevölkerung konsequent zwingen würde, weniger Energie zu verbrauchen.
In puncto Klimaschutz ist die Energiewende daher das selbe "Leben auf Kredit" wie die Entscheidungen, die zu Immobilien- und Finanzkrisen führten. Die Energiewende strahlt m.E. vor allem eines aus: Dass der heutigen Generation in D ist die eigene Sicherheit vor Atomkraft wichtiger, als die Sicherheit der "Enkel" (vor allem der Drittweltenkel) vor dem Klimawandel.