UN-Ausschuss zu Nordkorea "Unaussprechliche Grausamkeiten"

Folter, Zwangsarbeit und Hinrichtungen: Ehemalige nordkoreanische Gefangene haben vor einem UN-Ausschuss über die Greueltaten gesprochen, die ihnen in den Straflagern des Landes angetan wurden. Nun stellte der Ausschuss seine Ergebnisse in Genf vor. Nordkorea weist alle Anschuldigungen von sich.

Mit fünf Jahren hat Shin Dong Hyuk die erste Hinrichtung miterlebt. Noch nicht volljährig musste er mit ansehen, wie seine Mutter und sein älterer Bruder hingerichtet wurden. Er sei mehrfach gefoltert worden, Hunger sei eine tägliche Erfahrung gewesen, er habe Mäuse bei lebendigem Leibe gegessen.

Das berichtete der heute 30-Jährige als Zeuge vor einem UN-Ausschuss, der im März zur Untersuchung der Menschenrechtslage in Nordkorea eingesetzt worden war. Es ist das erste Mal, dass dafür eine Kommission von der Weltorganisation gebildet wurde. Der Ausschuss hörte Experten und weitere Zeugen in Tokio und Seoul an, um festzustellen, "ob Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt worden sind und wer die Verantwortung trägt", sagte der Vorsitzenden der dreiköpfigen Kommission, der Australier Michael Kirby.

Nun wurden die Ergebnisse in Genf vorgestellt. Demnach schätzt die Kommission die Aussagen ehemaliger Gefangener wie Shin Dong Hyuk als glaubwürdig ein. Häftlinge hätten in Nordkorea unter Hunger und unaussprechlicher Grausamkeit zu leiden, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters den Kommissions-Vorsitzenden Kirby.

Er sei ungefähr sieben gewesen, als ein Mädchen in seiner Klasse vom Lehrer zu Tode geprügelt worden sei, erzählte Shin dem Ausschuss. Ihr Vergehen: Sie habe ein paar Getreidekörner in der Tasche gehabt. "Meine Eltern habe ich Vater und Mutter gerufen", sagte er weiter. Doch ein wirkliches Konzept von Familie habe er nicht gehabt. "Sie waren Gefangene."

Und eine Regel in dem Lager sei es gewesen, über Fluchtpläne von Mitgefangenen zu informieren. Als Shin eine Unterhaltung seiner Mutter mit seinem Bruder über einen vermeintlichen Plan zur Flucht hört, erzählt er es den Wärtern. "Ich war in meinem Alter damals stolz darauf." Seine Mutter und Bruder seien am nächsten Tag abgeholt und er selbst später in einer Zelle gefoltert worden - "drei oder vier Tage". "Ich denke, einen besonderen Grund gab es nicht."

Millionen Hungernde, 200.000 politische Gefangene

Shins dramatische Erlebnisse werfen kein grundsätzlich neues Licht auf die Verhältnisse in den Straflagern. Zahlreiche Flüchtlinge haben bereits von ähnlichen Erfahrungen berichtet. Das Regime in Pjöngjang, das jeden Vorwurf gravierender Menschenrechtsverletzungen von sich weist, verweigert der Kommission allerdings die Zusammenarbeit. Amnesty International spricht von einer "verheerenden Menschenrechtslage", Millionen hungernden Menschen und etwa 200.000 politischen Gefangenen.

Shins Leben ist durch eine Biografie und den Film "Camp 14 - Total Control Zone" des deutschen Regisseurs Marc Wiese auch über Südkorea hinaus bekanntgeworden. Camp 14 ist das Lager, in dem Shin Anfang der 80er Jahre zur Welt gekommen ist. Es ist eine mit Stacheldraht abgeschirmte Welt inmitten eines isolierten Landes. Shin vermutet, dass die Zahl der Insassen zu seiner Zeit 20.000 bis 30.000 Menschen betrug. Das Gelände liegt etwa 80 Kilometer nördlich von Pjöngjang. Es gibt dort Kohlebergwerke, Fabriken sowie landwirtschaftliche Betriebe. Die in den Lagern geborenen Kinder erhalten zwar Schulunterricht, werden aber schon früh zur Arbeit gezwungen.

Shin ist im Jahr 2005 die Flucht aus einem der Lager für politische Gefangene gelungen. Als Kind zweier Lagergefangener war er seit seiner Geburt inhaftiert. Eine Außenwelt habe für ihn nicht existiert, erzählt Shin, der heute in Seoul lebt. Ihm sei früh eingeschärft worden, ein Krimineller zu sein: "Ich wurde als Krimineller geboren und werde als solcher sterben."