Umkämpfte Grenzstadt in Syrien IS-Großoffensive auf Kobanê beunruhigt die Türkei

  • Dschihadisten des IS scheinen Kobanê mit aller Macht einnehmen zu wollen. Mit einer Offensive im Westen der syrischen Stadt kommen sie dem Grenzübergang zur Türkei gefährlich nahe.
  • Hilfe für Kobanê ist unterwegs: Kurdische Peschmerga-Truppen aus Irak dürfen über die Türkei in die seit Wochen umkämpfte Stadt nachrücken. Der Landweg in Syrien wird von IS-Kämpfern kontrolliert.
  • Eine mysteriöse Mordserie im Süden und Südosten der Türkei schürt die Angst vor neuer innenpolitischer Spannung.
Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Im Kampf um die syrischen Kurdenstadt Kobanê haben die Dschihadisten des IS vor dem Eintreffen der kurdischen Verstärkung offenbar eine Großoffensive gestartet. Dabei hätten die IS-Extremisten den strategisch wichtigen Hügel Tell Schair, der von der türkischen Grenze aus gut zu sehen ist, von den Kurden zurückerobert, und dazu einen rund drei Kilometer langen Korridor gesichert, der bis zur Stadtgrenze reicht. Dies meldeten am Donnerstag die kurdische Agentur Rudaw, sowie die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London, die sich auf ein Netz von Beobachtern in der Region stützt.

Den Korridor habe die US-Luftwaffe zuletzt für den Abwurf von Waffen und Munition für die Kurden genutzt, hieß es. Gegenwärtig würde der IS Kobanê weiter von Nordwesten angreifen und versuchen, die Kurden vom Grenzübergang ins türkische Mürşitpınar abzuschneiden, teilte Abdel Rahman von der Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Die Straße zur Grenze ist praktisch der einzige Versorgungsweg der Kurden. Auch Verletzte werden so aus Kobanê herausgebracht. Die irakischen Peschmerga, die in Kürze die kurdischen Kämpfer in Kobanê verstärken sollen, müssen diesen Weg ebenfalls benutzen. Wann die erste Gruppe von 200 Peschmerga eintreffen wird, war am Donnerstag nach wie vor unklar.

Irakische Kurden dürfen über die Türkei nachrücken

Am Montag hatte Ankara überraschend den irakischen Kurden erlaubt, über türkisches Territorium Verstärkung nach Kobanê zu schicken. Die dort kämpfende kurdische Partei der Demokratischen Union (PYD) ist mit der türkischen-kurdischen PKK verbunden, die ein eher gespanntes Verhältnis zu den irakischen Kurden hat. Deshalb hatte die PYD erst gebeten, PKK-Kämpfer nachrücken zu lassen. Eine Aufwertung der PKK, die in der Türkei als Terrororganisation gilt, aber wollte Ankara unbedingt verhindern, ungeachtet der weiterhin laufenden Friedensgespräche mit PKK-Gründer Abdullah Öcalan.

Augenzeugen beobachten von der sicheren türkischen Seite aus die Luftangriffe auf IS-Truppen.

(Foto: Bulent Kilic/AFP)

Öcalan ließ erst in dieser Woche wissen, dass er den Dialog fortsetzen will. Die legale Kurdenpartei HDP, die im Parlament vertreten ist, will Öcalan bei den Gesprächen mit Regierungsvertretern auf der Gefängnisinsel İmralı noch aktiver unterstützen. HDP-Abgeordnete würden dazu ein "Sekretariat" für Öcalan schaffen, hieß es am Donnerstag. Das werde sich mit Themen befassen wie Schulerziehung (die Kurden wollen Unterricht auf Kurdisch), der wirtschaftlichen Entwicklung im Südosten und den immer noch ungeklärten Morden der 90er Jahre, der blutigsten Periode des Kampfes zwischen PKK und Armee.

Mysteriöse Mordfälle in der Türkei geben Grund zur Sorge

In den letzten Tagen haben mehrere aktuelle mysteriöse Mordfälle im Süden und Südosten die Angst vor neuer innenpolitischer Spannung wachsen lassen. In Bingöl wurde ein 35-Jähriger Islamist von Unbekannten erschossen, zuvor trafen tödliche Kugeln einen Ex-Bürgermeister der türkisch-syrischen Grenzstadt Şuruc und dessen Sohn, sowie einen kurdischen Zeitungsverkäufer in Adana.

Im grenznahen Gaziantep wurden bereits am Sonntag, wie Hürriyet nun berichtete, neun Sprengstoffwesten und zehn Sturmgewehre entdeckt. Geheimdienstinformationen sollen die Polizei auf die Spur der möglicherweise zum IS gehörenden Verdächtigen gebracht haben. Es gab zwei Festnahmen.