Umfrage unter EU-Bürgern "Deutsche leben mental auf ihrem eigenen Kontinent"

Laut Umfrage fühlen sich die Deutschen glücklich - im Gegensatz zu ihren Nachbarn: Am Tag der Deutschen Einheit feiern junge Deutsche unter einer Nachbildung des Brandenburger Tors in München.

(Foto: dpa)

Die Wirtschaftskrise spaltet die Europäer - und entfremdet Deutschland von seinen Nachbarn: Die Mehrheit der Bundesbürger beurteilt die Wirtschaftslage als positiv, in anderen EU-Ländern sind die Optimisten der Pew-Studie zufolge nur eine kleine Minderheit. Für Überraschung sorgt, welche Bevölkerungsgruppe sich nach einer nationalen Währung zurücksehnt.

Von Christian Wernicke, Washington

Europas Wirtschaftskrise entzweit die Europäer - und entfremdet die Deutschen von ihren EU-Partnern. "Die Deutschen leben mental auf ihrem eigenen Kontinent", fasst Bruce Stokes, Meinungsforscher beim angesehenen Pew Research Center in Washington, das Ergebnis einer Umfrage in acht europäischen Staaten zusammen. So betrachteten drei Viertel aller Deutschen die Wirtschaftslage als gut, während nur neun Prozent der anderen EU-Völker dies so sähen. Allen voran Deutsche und Franzosen trennt ein tiefer Stimmungsgraben: 77 Prozent der Franzosen glauben, Europas Integration habe die Ökonomie geschwächt, derweil 54 der Deutschen sagen, die EU habe die Wirtschaft gestärkt. Eindeutiger Verlierer der Malaise ist Brüssel: Nur noch 45 Prozent aller Europäer - aber 60 Prozent der Deutschen - äußern sich positiv über die EU.

Wie radikal anders die Deutschen Europas Schuldenkrise deuten, zeigt sich in mehreren Fragen. 77 Prozent der Deutschen betrachten ihre persönliche wirtschaftliche Situation als gut, nur 51 Prozent der übrigen Europäer sehen dies ebenso. Die Deutschen sind optimistischer: Immerhin 27 Prozent von ihnen glauben an einen Aufschwung in den kommenden zwölf Monaten, nur 15 Prozent der übrigen Europäer erwarten eine Verbesserung der Wirtschaftslage. Und die Deutschen sind weitaus zufriedener mit ihrer eigenen Regierung: 74 Prozent äußern sich zufrieden über Angela Merkel, während die Zustimmungswerte für ihre EU-Kollegen in der Pew-Umfrage unter 40 Prozent liegen.

Einig sind sich die Länder bei ihrem Bekenntnis zum Euro

Politisch brisant ist, wie gegensätzlich sich die Euro-Krise auf die politische Stimmung in Frankreich und Deutschland, den traditionellen Partnerländern, auswirkt. 91 Prozent der Franzosen beklagen eine schlechte Wirtschaftslage, nur ein Viertel der Deutschen mag dies so sehen. Westlich des Rheins sehen 58 Prozent die EU negativ, östlich des Rheins nur 35 Prozent. Ebenso ist das Vertrauen in die Regierung in Paris erschüttert: 67 Prozent stellen Präsident François Hollande ein schlechtes Zeugnis im Umgang mit der Krise aus. Angela Merkel genießt bei den Franzosen doppelt so viel Respekt wie Hollande (73 Prozent gegenüber 33 Prozent). Die gesamte Stimmung in Frankreich, so urteilt der Pew-Experte Stokes, ähnele zunehmend dem düsteren Meinungsbild in den Krisenländern am Mittelmeer: "Die Franzosen sehen immer mehr aus wie Südeuropäer."

Bei der Suche nach Wegen aus der Krise entdeckte die Pew-Studie eine Annäherung. Franzosen, Deutsche, Spanier, Italiener, Tschechen und Briten sprechen sich deutlich für eine Reduzierung der Staatsausgaben und Schulden aus; nur Griechen und Polen fordern mehr Ausgaben zur Ankurbelung der Wirtschaft. Zudem sind sich Griechen und Deutsche wie auch Franzosen, Italiener und Spanier in einem einig: Sie wollen, mit Mehrheiten von jeweils mehr als 60 Prozent, lieber den Euro behalten als zurück zu ihren nationalen Währungen. Einzige Ausnahme: 59 Prozent der Deutschen unter 29 Jahren wollten zurück zur D-Mark - einer Münze, die sie kaum kennen.

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