Türkei Die Traumatisierten, die Aufbegehrenden

Zwei Bücher mit sehr unterschiedlichem Ansatz versuchen, das Land am Bosporus zu ergründen.

Von Luisa Seeling

Wer eine Ahnung bekommen will vom Frust der türkischen Opposition, der sollte "Euphorie und Wehmut" von Ece Temelkuran zur Hand nehmen: ein Buch wie ein Druckkochtopf, voller Zorn und Anklage (warum im Titel von Euphorie die Rede ist, bleibt ein Rätsel). Die 1973 geborene Journalistin und Schriftstellerin ist kaum zu bremsen: Sie warnt vor einer "Gleichschaltung" der türkischen Gesellschaft, vor "mentalem Bürgerkrieg" und "schleichendem Faschismus", Andersdenkende würden mundtot gemacht. Eine nüchterne Analyse ist das nicht, eher ein Aufschrei, was auch daran liegen mag, dass Temelkuran 2011 selbst schon mit den Mächtigen aneinandergeraten ist. Zuerst bedrohten sie AKP-nahe Trolle im Internet, dann verlor sie ihren Job beim TV-Sender Habertürk. Sie hatte über einen Bombenangriff des Militärs berichtet, bei dem kurdische Jugendliche gestorben waren.

Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn die Argumentation schon mal zwischen wilden Metaphern und ätzendem Sarkasmus verloren geht. Einiges ist wirr; aber wer mit Temelkurans eruptivem Stil klarkommt, wird mit scharfsinnigen Beobachtungen belohnt. Etwa, wenn die Autorin die Türken als Volk von Waisen beschreibt, die wie geprügelte Kinder an das Diktum glauben: Ein Vater züchtigt und liebt. Oder wenn sie dem Land eine Amnesie bescheinigt, die mit Gründung der Republik 1923 einsetzte, als Atatürks Ideologie des Kemalismus die Erinnerung an die osmanische Geschichte auslöschen sollte. Bis heute herrsche im Land ein allgemeines Schweigen, das nicht nur in Verboten begründet sei: "Wer sich erinnert, hat etwas Altes, Unnützes, Kaputtes, Degeneriertes an sich." Die perfekte Synthese aus Fortschrittsglaube und Verdrängung.

Ece Temelkuran, Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe und Monika Demirel. Hoffmann und Campe 2015, 240 Seiten, 20 Euro. Als E-Book: 15,99 Euro.

Mit psychologischen Folgen, die bis heute nachwirken. Temelkuran zählt sie alle auf, die Traumata einer Nation, die ihr Heil im Vergessen sucht. Atatürks Hutgesetz zum Beispiel, erlassen 1925: 18 Menschen wurden hingerichtet, weil sie ihren Fes nicht ablegen wollten. Oder das Massaker an den Kurden von Dersim 1937/38 - Vorbote eines "vierzig Jahre währenden Kriegs, der dem ganzen Land posttraumatische Belastungsstörungen bescherte".

Der Kampf links gegen rechts, religiös gegen säkular, die Unterdrückung der Minderheiten: In "Euphorie und Wehmut" ist die türkische Geschichte ein ewigen Kreislauf der Gewalt, des Schmerzes, der Traumatisierung. Dabei hat die Autorin die jüngste Eskalation im Südosten gar nicht berücksichtigt - ihr Buch war da bereits gedruckt. Die Kultur der Gewalt sei in der Türkei heute so allgegenwärtig, dass schon Höflichkeit eine Form von Widerstand sei: "Nett sein kann als revolutionärer Akt gelten, wenn Sie ermutigt oder gar gezwungen werden, das Gegenteil zu tun", erklärt sie mit grimmigem Humor.

Bei allem Zorn auf die seit 13 Jahren regierende AKP widersteht Temelkuran der Versuchung, jeden Missstand allein der Partei in die Schuhe zu schieben, wie es das säkular-kemalistischen Lager oft tut (ganz so, als sei vor 2002, als die AKP an die Macht kam, alles in Ordnung gewesen). Sie klammert die reformorientierten AKP-Anfangsjahre nicht aus, erinnert aber daran, dass es warnende Stimmen gegeben habe; bloß habe niemand auf sie hören wollen.

Karen Krüger, Anna Esser, Bosporus reloaded. Die Türkei im Umbruch. Aufbau-Verlag 2015, 336 Seiten, 16,95 Euro. Als E-Book: 13,99 Euro.

Waren die Gezi-Proteste 2013 wirklich ein Wendepunkt?

Die Autorinnen von "Bosporus reloaded" verbreiten da mehr Optimismus. Auch sie haben die jüngsten Ereignisse nicht mehr berücksichtigen können. Trotzdem lohnt die Lektüre, weil Karen Krüger und Anna Esser daran erinnern, dass die Türkei über ein enormes zivilgesellschaftliches Reservoir verfügt - und dass Europa diese Leute nicht aus dem Blick verlieren darf. Ihr Buch ist ein Portrait der jungen Generation, die ihren Platz sucht in der von Zerrissenheit geprägten Erdoğan-Türkei. Die Gezi-Proteste im Sommer 2013, schreiben sie, waren dabei ein Wendepunkt, ja der Beginn einer neuen Zeitrechnung: Vor Gezi war diese Generation unpolitisch, nach den Protesten kehrte das Politische zurück in den öffentlichen Diskurs. Der "Geist von Gezi", schreiben Esser und Krüger, sei bloß nicht "in eine institutionalisierte Form gegossen worden, und das macht es mitunter schwierig, seine Kraft zu spüren."

In gewisser Weise ist "Bosporus reloaded" das Gegenstück zu "Euphorie und Wehmut": Bei Temelkuran steht die Türkei kurz vor der Gleichschaltung, Krüger und Esser konstatieren wachsenden Pluralismus. Die Menschen wollten sich ihren Lebensstil nicht mehr von Recep Tayyip Erdoğan und seiner islamisch-konservativen AKP vorschreiben lassen. Sie hätten 2013 aufbegehrt, und sie könnten es wieder tun.

Vielleicht sind die Autorinnen da zu optimistisch; die Bescheidung der Grundrechte ist so massiv geworden, dass es für die Zivilgesellschaft schwer geworden ist, Freiräume zu finden. Hinterfragen kann man auch, ob Gezi wirklich ein Wendepunkt für die gesamte Türkei war - oder ob das nicht eine recht Istanbul-zentrierte Bewertung ist. Am Ende ist aber nicht entscheidend, ob man Esser und Krüger in diesen Punkten zustimmt. "Bosporus reloaded" ist - dem etwas albernen Titel zum Trotz - ein gut beobachtetes, differenziertes Portrait einer Jugend, die sich enormen gesellschaftlichen Umbrüchen stellen muss.

Schwer vorstellbar, dass sie sich von Erdoğan widerstandslos "gleichschalten" lässt.