Syrische Flüchtlinge "Tragödie dieses Jahrhunderts"

Sechs Millionen Syrer sind auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in Syrien - sogar in krisengebeutelten Ländern wie Ägypten und Irak suchen sie Hilfe. Der UN-Flüchtlingsrat spricht von einer beschämenden humanitären Katastrophe. Indes werden die Proben vom möglichen Giftgasangriff untersucht - auch in Deutschland.

Daniel Brössler, Berlin

Vor dem Bürgerkrieg in Syrien sind mittlerweile mehr als zwei Millionen Menschen ins Ausland geflohen. Dazu kommen mehr als 4,25 Millionen Syrer, die wegen der Kämpfe aus ihren Heimatorten vertrieben worden sind und innerhalb des Landes Zuflucht suchen. Das teilte am Dienstag das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR mit. An jedem Tag würden nahezu 5000 Syrer ihre Heimat verlassen und vor allem in den Nachbarstaaten auf Sicherheit und humanitäre Hilfe hoffen.

"Syrien ist zur großen Tragödie dieses Jahrhunderts geworden - eine beschämende humanitäre Katastrophe mit Leid und Vertreibung in einem in der jüngeren Geschichte beispiellosen Ausmaß", erklärte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, António Guterres.

In Syriens Nachbarstaaten seien 97 Prozent der bislang zwei Millionen Flüchtlinge untergekommen. Die internationale Unterstützung für diese Länder müsse dringend verstärkt werden, forderte Guterres. Libanon hat 716 000 von ihnen aufgenommen, Jordanien 515 000. Die Türkei hat 460 000 Syrern Zuflucht gewährt, 169 000 sind sogar in den Irak geflohen, der seit Monaten von einer Welle der Gewalt erschüttert wird. Auch das innenpolitisch instabile Ägypten hat 111 000 Syrer aufgenommen.

Allein in den vergangenen zwölf Monaten ist laut UNHCR die Zahl der syrischen Kriegsflüchtlinge im Ausland um fast 1,8 Millionen gestiegen. Nach Ansicht von Experten hat die Ankündigung von Militärschlägen gegen das Regime in den vergangenen Tagen die Situation verschärft. Vor allem Bewohner von Damaskus und Umgebung, die in der Nähe von Militäreinrichtungen wohnten, hätten sich nach Libanon abgesetzt.

Untersuchung von Betonteilen und Textilfasern

Die Chemiewaffen-Inspektoren der UN haben inzwischen damit begonnen, ihre Proben aus dem Großraum Damaskus zu analysieren. Ein Teil davon wird nach Informationen der Süddeutschen Zeitung in Deutschland untersucht. Die in Den Haag ansässige Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) beauftragte das Wehrwissenschaftliche Institut für Schutztechnologien und ABC-Schutz (WIS) in Munster in der Lüneburger Heide mit der Prüfung von Proben, die nicht aus menschlichem Gewebe bestehen. Untersucht werden in Munster unter anderem Betonteile und Textilfasern aus den betroffenen Gebieten. Die Bundesregierung ist von den Vereinten Nationen um Geheimhaltung gebeten worden und äußert sich aus diesem Grund nicht zu den Untersuchungen in dem zur Bundeswehr gehörenden Institut.

Westliche Geheimdienste, darunter der Bundesnachrichtendienst (BND), gehen davon aus, dass das Regime von Baschar al-Assad für den Giftgasangriff am 21. August verantwortlich ist. Darüber hatte BND-Chef Gerhard Schindler den Auswärtigen- und den Verteidigungsausschuss unterrichtet. Der Abschuss von zwei ballistischen Raketen im Mittelmeer, den eine russische Radarstation am Dienstagmorgen gemeldet hatte und über den Präsident Wladimir Putin informiert worden war, stellte sich als Test von Israels Raketenabwehr heraus.

Wie sich Assad an der Macht hält

Mit Hoffnung auf Reformen begannen nach den Umwälzungen in Tunesien und Ägypten im Jahr 2011 die Proteste in Syrien. Doch der Konflikt zwischen Oppositionellen und Präsident Assad ist zum Bürgerkrieg geworden. Gekämpft wird auch mit Giftgas. Die Vernichtung seiner Chemiewaffen könnte Assad vor einem Militärschlag der USA bewahren. Die Eckpunkte des Konflikts im Überblick. mehr ...