Stuttgart 21: Eskalation der Gewalt "Das habe ich seit '68 nicht erlebt"

Wasserwerfer, Schlagstöcke und Pfefferspray gegen die Baumschützer - im Schlossgarten eskalieren die Proteste Tausender gegen Stuttgart 21. Die Gegner des Bahnhofs-Neubaus liefern sich mit der Polizei "eine Art Stellungskrieg".

Von Dagmar Deckstein, Stuttgart

Die Nachricht verbreitete sich unter den Parkschützern und anderen Aktivisten des Aktionsbündnisses am Vormittag sehr schnell: Ganze Hundertschaften von Polizisten seien im Anmarsch auf den Schlossgarten, Lastwagen transportierten Absperrgitter herbei. Auf den einschlägigen Webseiten werden die Gegner des Stuttgarter Banhof-Großprojekts aufgerufen, massenhaft zum Mittleren Schlossgarten zu kommen, um der mit Bangen erwarteten Abholzung der alten Bäume Einhalt zu gebieten.

"Nur Brachialgewalt"

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Bis in den frühen Nachmittag hinein ist die Lage noch relativ entspannt, Trillerpfeifen und Vuvuzelas bilden die übliche Geräuschkulisse bei den Protesten gegen Stuttgart 21, Demonstranten plaudern hier und dort geradezu freundlich mit den jungen Polizisten - "Woher kommen Sie? Aha, aus Bayern" -, die verschiedene Parkareale absperren. Der Tag X ist gekommen.

Immer mehr Menschen strömen in den Schlosspark neben dem Bahnhof, einige Tausende haben sich versammelt, versperren Zugangswege, Schüler besetzen einen Polizei-LKW voller Absperrgitter. Sie werden mit Pfefferspray von den Einsatzkräften in schwarzer Montur vertrieben, was sofort große Empörung bei den Umstehenden auslöst. "Jetzt gehen die auf Kinder los, das ist ja unfassbar", empört sich ein älteres Ehepaar lautstark.

Solche Informationen verbreiten sich in Windeseile per Internet und Handy, immer mehr Demonstranten strömen heran und versuchen, die Wege für die Lastwagen und Baufahrzeuge zu blockieren. Wie aus dem Nichts rollen grüne Wasserwerferfahrzeuge zwischen dem tiefhängenden Laub der alten Platanen heran, bewegen sich nur zentimeterweise vorwärts, weil immer neue Demonstranten die Sitzblockaden der von Wasserstrahl und Pfefferspray Vertriebenen fortsetzen. Wasserwerfer gegen Demonstranten - das gab es bei Krawallen in Berlin oder Hannover, bei Anti-Atom-Demos von Brokdorf bis Wyhl, aber noch nicht in Stuttgart.

Unter den Demonstranten ist auch die frühere Verdi-Landeschefin Sybille Stamm. Sie habe neben einer Gruppe Menschen gestanden, die sich an einen Zaun gekettet hatten, die seien ohne Vorankündigung von Polizisten zu Boden geworfen, getreten und mit Tränengas besprüht worden. "Das habe ich seit '68 nicht erlebt", sagt sie.

In den nicht abgesperrten Teilen des Schlossparks richten die Parkschützer so etwas wie ein Notlazarett ein, wiederum auf elektronischem Wege werden Wasserflaschen und Decken angefordert. Viele Menschen hätten Augenreizungen oder leichte Verletzungen erlitten, heißt es bei den Parkschützern. "Eine Art Stellungskrieg", nennt einer ihrer Sprecher die tumultartigen Szenen im Schlosspark.

Das Schicksal der Bäume

Die Stuttgart-21-Gegner hatten bereits damit gerechnet, dass die Baumfällarbeiten schon bald beginnen würden und für Donnerstag um 15 Uhr zur Protestkundgebung in den Schlossgarten aufgerufen. Die Polizei war diesmal früher dran, und der Stuttgarter Polizeipräsident Siegfried Stumpf bestätigte, dass die Motorsägen noch in der Nacht zum Freitag angesetzt werden sollten.

Bis Samstag sollen die Fällarbeiten dauern, die erst vom 1. Oktober an, dem Beginn der Vegetationsruhe, möglich sind. Für den Anfang sind es 25 von insgesamt 289 Bäumen, die für die Einrichtung der Großbaustelle fallen müssen.

Das Gelände wird vermutlich bis mindestens Samstagabend von einem großen Polizeiaufgebot gesichert werden. Das Schicksal der Bäume ist bei den Stuttgart-21-Gegnern emotional besonders stark besetzt, nicht zuletzt nach dem Anfang August im Schlosspark inszenierten "Stuttgarter Gelöbnis" tausender Demonstranten, in dem es unter anderem heißt: "Wir geloben den Park zu schützen, jeden Baum."

Am Abend dann rücken Spezialkräfte der Stuttgarter Polizei an, einen blauen Kran mit Hebebühne im Geleit. Sie beginnen, neun Aktivisten von den Bäumen zu holen, in denen seit vielen Wochen Parkschützer auf zurechtgezimmerten Plattformen hausen. Außerdem versuchen Beamte vier Aktivisten, die sich um einen Baum herum angekettet hatten, loszueisen. Währenddessen protestieren immer noch Tausende im Schlossgarten, und ein Sprecher der Parkschützer erwartet für den späten Abend und die Nacht weiteren Zulauf von Demonstranten: "Das wird heute richtig voll."

Für den Freitagabend hat das Aktionsbündnis erneut zur Großdemonstration aufgerufen, diesmal unter dem Motto: "Unser Protest wird schärfer." Die Gegner des sieben Milliarden teuren Großprojekts sollen diesmal "scharfe Kleidung" tragen und "scharfes Essen" mitbringen.

Halbnackt und voller Ketchup

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