Stuttgart Alarm ohne Wirkung

Nach dem Feinstaub-Alarm hofft Stuttgart, dass jetzt viele der gut 200 000 Auto-Berufspendler auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Die Fahrer waren aufgerufen, ihr Auto stehen zu lassen - freiwillig. Die Bilanz nach einer Woche.

Von Josef Kelnberger, Stuttgart

Der erste Feinstaub-Alarm in einer deutschen Großstadt wurde Freitag, 24 Uhr, aufgehoben. Günstiger Wind sollte laut Wetterdienst am Wochenende die Schadstoffe aus dem Stuttgarter Kessel vertreiben. Eine endgültige Bilanz über die fünf Tage liegt noch nicht vor, doch zeichnet sich als klarer Trend ab: Der Alarm blieb ohne Wirkung. Einwohner und Einpendler verweigerten sich der Bitte, das Auto stehen zu lassen, um die Stuttgarter Luft sauber zu halten.

Nach Angaben der Verkehrsleitzentrale fuhren im Vergleich zum Vorjahr nur etwa drei Prozent weniger Autos auf Stuttgarts Straßen. Am Neckartor, dem Ort mit den höchsten Feinstaubwerten in ganz Deutschland, wurde der erlaubte Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter von Montag bis Donnerstag weit überschritten. In der Spitze maß man 141 Mikrogramm.

Laut EU-Norm darf die Belastung an 35 Tagen im Jahr über dem Grenzwert liegen, Stuttgart verfehlt dieses Ziel seit Jahren. Weil die EU-Kommission der Bundesregierung mit massiven Strafen droht, verabschiedeten Stadt und Land einen neuen Luftreinhalteplan. Sobald sich eine Wetterlage mit wenig Luftaustausch abzeichnet, wird Alarm ausgelöst. Er richtet sich an Autofahrer und Betreiber sogenannter Komfort-Kamine. Falls die Appelle nichts nutzen, wonach es aussieht, soll es von 2018 Verbote geben.

Oberbürgermeister Fritz Kuhn sagte am Freitag angesichts der Verweigerungshaltung der Autofahrer: "Nur gegen den Feinstaub-Alarm zu wettern, senkt die Werte nicht." Der Kampf um saubere Luft - auch die Stickstoffdioxid-Werte sind viel zu hoch - ist in Stuttgart besonders zäh. Einerseits gilt die Heimat von Daimler und Porsche als "Autostadt", andererseits halten sich die Schadstoffe wegen der Kessel-Lage sehr hartnäckig.

Laut der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz sind 46 Prozent der Feinstaub-Belastung in Stuttgart auf den Straßenverkehr zurückzuführen. Sieben Prozent entfallen auf Abgase, der Rest entsteht durch Aufwirbelung und den Abrieb von Reifen. Eine wesentliche Entlastung kann es also nur geben, wenn deutlich weniger Autos unterwegs sind. Anwohner des Neckartors wollen vor Gericht sofortige Fahrverbote erzwingen.