Streit um Homo-Ehe in Frankreich Ganz gleich ist vielen zu viel

Rechte von Lesben und Schwulen weltweit

Mit der Ehe für homosexuelle Paare glaubte Präsident Hollande im scheinbar liberalen Frankreich offene Türen einzurennen. Doch der Regierung stehen turbulente Zeiten bevor. Denn der Widerstand der Kirche ist zu einer so großen Protestbewegung angewachsen, dass sie das Land spaltet.

Von Stefan Ulrich, Paris

Ein Hauch von Kulturkampf weht durch Frankreich. Er könnte nun zum Sturm erstarken. Eine Allianz aus Religionsvertretern, konservativen und rechten Politikern sowie kämpferischen Eltern ruft die Franzosen für Sonntag zu einer Demonstration in Paris auf. Sie will mehr als eine halbe Million Menschen zusammentrommeln. Die Massen sollen gegen die zentrale gesellschaftspolitische Reform der sozialistischen Regierung unter Präsident François Hollande Sturm laufen: die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare samt dem Recht, Kinder zu adoptieren und - eventuell - die Techniken der Fortpflanzungsmedizin in Anspruch zu nehmen. Die Opposition fühlt sich im Aufwind.

Eigentlich hatte Hollande gedacht, die "Ehe für alle" lasse sich im laizistischen und gesellschaftspolitisch scheinbar dezidiert liberalen Frankreich ohne viel Widerstand einführen. Sie stand bereits in seinem Katalog von Wahlversprechen, hatte bei der Präsidentschaftskampagne im Frühjahr 2012 jedoch keine besondere Rolle gespielt. Nun verspüren Hollande und seine Sozialisten plötzlich heftigsten Gegenwind. Die Ehe für Lesben und Schwule wird für sie, neben der Reichensteuer, zur ersten Kraftprobe.

Hollande ist überrascht

In Frankreich gibt es seit 1999 eingetragene Lebenspartnerschaften, kurz "Pacs" genannt. Sie sind populär, werden von Homo- wie Heterosexuellen geschlossen und gewähren Paaren in finanziellen Belangen, etwa im Steuer- und Erbrecht, ähnliche Rechte und Pflichten wie in der Ehe. Lesben- und Schwulenverbände fordern jedoch, auch Homosexuellen die Eheschließung zu ermöglichen und damit den Heterosexuellen gleichzustellen. Sie weisen darauf hin, bereits elf andere Staaten hätten die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt. Dazu zählen, trotz aller Proteste der Kirche, die ebenfalls romanisch geprägten Länder Spanien und Portugal. In Italien gibt es dagegen bislang weder die Ehe noch eine gesetzlich geregelte Partnerschaft für Homosexuelle.

Der französische Ministerrat verabschiedete im November einen Gesetzesentwurf, der die Homo-Ehe vorsieht einschließlich des Rechts, Kinder zu adoptieren. Er soll Ende Januar im Parlament beraten werden und rasch in Kraft treten. In einem gesonderten Gesetz, das für März angekündigt ist, will die Regierung dann die besonders umstrittene Frage regeln, ob lesbische Paare auf Kosten der staatlichen Krankenversicherung die Fortpflanzungsmedizin in Anspruch nehmen können.

Der Widerstand gegen die Reform ging im Herbst von der katholischen Kirche Frankreichs aus. Sie sieht die traditionelle Familie in Gefahr und damit die Grundlage der Gesellschaft. Angespornt von Papst Benedikt XVI., argumentieren die Bischöfe, eine Familie bestehe naturgemäß aus Mann, Frau und Kindern. Homosexuelle hätten kein Recht auf Kinder, sondern Kinder hätten ein Recht auf Vater und Mutter. Um sich optimal entwickeln zu können, bräuchten sie beide Elternteile. Darüber entspann sich eine heftige Debatte, an der sich viele Psychologen und Psychiater beteiligten.