Skandale in der Mediengesellschaft Deutschland, einig Prangerland

Jetzt Hoeneß, vorher Zumwinkel, Guttenberg und Wulff: Mit Repräsentanten, die zum Helden nicht länger taugen, geht die deutsche Gesellschaft oft gnadenlos um. Doch warum folgt auf ein meist eher mittelschweres Delikt immer eine exzessive Reaktion der Öffentlichkeit?

Ein Kommentar von Detlef Esslinger

Es ist nicht besonders schwierig, alte Zitate von Uli Hoeneß zu finden, die man nun wunderbar gegen ihn verwenden kann. Was regte er sich doch mal über den einstigen Patron von 1860 München, Karl-Heinz Wildmoser, und dessen Sohn auf. Die waren - der Vater weniger, der Sohn mehr - in eine Schmiergeldaffäre um den Bau der Fußballarena verwickelt, worauf Hoeneß den Unerbittlichen gab: Er nannte die beiden "Täter", seine Bayern deren "Opfer". Und sie stellten das alles noch als "Kavaliersdelikt" hin, da lache er sich tot. Es kümmerte Hoeneß wenig, ob er dem Ansehen zweier Menschen den Rest gab. Nein, er legte noch einen drauf, er charakterisierte sich selbst mit einem Adjektiv: "sauber". Was also darf der Mann nun erwarten?

Er wäre jedenfalls nicht der Erste, dem seine frühere Flughöhe zum Verhängnis würde. Die Herren Zumwinkel, Guttenberg und Wulff könnten bestimmt berichten, wie gnadenlos die Gesellschaft bisweilen mit Repräsentanten umgeht, die zum Heros nicht länger taugen.

Klaus Zumwinkel, der Chef der Post, zeigte jahrelang, dass man auch im Wettbewerb mit Billigfirmen Wert auf seriöse Löhne legen kann. Dann aber kam heraus, dass in seiner Persönlichkeit noch eine weitere Ecke verborgen lag: Er hatte die Gesellschaft um Steuern betrogen.

Der So-gut-wie-Kanzler Karl-Theodor zu Guttenberg wurde getragen von der diffusen Macht seines Charismas. Als offensichtlich wurde, dass er nicht mal bei seiner Doktorarbeit etwas geleistet hatte, blieb ihm im Grunde nur die Auswanderung.

Und was war noch gleich das Vergehen des gewesenen Bundespräsidenten Christian Wulff? Vielleicht wird am Ende kaum mehr als der Vorwurf bleiben, dass an der Spitze des Staates einer stand, der schon im Umgang mit Vorwürfen überfordert war. Aber die Verachtung, ja der Hass, dem dieser Politiker seitdem ausgesetzt ist - beides müsste eigentlich zu einem kollektiven Erschrecken führen.

Zweifacher Herdentrieb der Medien

Die Fragen drängen sich auf: Warum folgt auf ein meist eher mittelschweres Delikt immer eine exzessive Reaktion der Öffentlichkeit? Wird also Uli Hoeneß unweigerlich der Ächtung anheimfallen, wie andere auch? Oder lernt die Gesellschaft aus dem, was sie etwa bei Wulff anrichtete? Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat vor der "Zerstörung" der Person Hoeneß gewarnt.

Es wäre albern, so zu tun, als seien Medien an derlei unbeteiligt. Das Problem besteht aber nicht in einer etwaigen "Kampagne", zu der sie sich verabredet hätten. Ein solcher Vorwurf dient meistens nur einem Zweck: vom eigenen Desaster abzulenken.

Was man den Medien vorhalten kann, ist ein zweifacher Herdentrieb. Zum einen arbeitet jede Zeitungs- oder Fernsehredaktion grundsätzlich nach der Devise: "Dazu müssen wir auch was haben." Zum anderen reihen sich Autoren in der Regel lieber gefahrlos in einen Chor ein, als eine Solostimme zu wagen - wie andere Akteure übrigens auch. Der DGB-Vorsitzende Sommer war es vermutlich seiner Rolle schuldig, in die Maikundgebung das Thema Hoeneß einzubauen. Er knöpfte sich den Mann vor, indem er Steuerhinterziehung als "Reichensport" verhöhnte. Und was soll man sich über die Beschimpfung "asozial" eines bayerischen SPD-Politikers wundern, wenn sogar der Bundespräsident, der angesehene, diese Vokabel gebraucht.

Nikolaus Schneider hat gesagt, am öffentlichen Pranger werde immer so getan, als bestünde das Publikum davor aus den besseren Menschen. Dass dies eine einzige Heuchelei ist, dürfen sich alle eingestehen, die beim Finanzamt schon mal eine private Restaurantrechnung eingereicht haben oder den Maler gegen Bargeld kommen ließen. Wer betrügt, der tut dies jeweils nach seinen Möglichkeiten.