Sexuelle Übergriffe in der katholischen Kirche Entschädigung für 560 Missbrauchsopfer

Bis zu 5000 Euro, in Härtefällen mehr: Die katholische Kirche wird nach SZ-Informationen fast alle Opfer sexueller Gewalt in der Kirche entschädigen - zumindest jene, die einen Antrag gestellt haben. Warum sich nur eine Minderheit der Betroffenen zu diesem Schritt durchringen kann.

Von Matthias Drobinski

Es sind Leidensgeschichten, 579 an der Zahl. So viele Menschen, Männer meist, aber auch Frauen, haben bislang das "Antragsformular sexueller Missbrauch" der katholischen Deutschen Bischofskonferenz ausgefüllt ("Schildern Sie die Umstände und den Hergang der Missbrauchstat").

Sie verlangen damit eine Entschädigung von der katholischen Kirche für die Gewalt, die ihnen angetan wurde. Die Bischofskonferenz hat Entschädigungen von bis zu 5000 Euro zugesagt, in Härtefällen mehr; zusätzlich übernimmt sie unter bestimmten Umständen auch Therapiekosten. Opfervertreter haben das immer wieder als zu wenig kritisiert.

Die Zahl erfuhr die Süddeutsche Zeitung aus Kirchenkreisen. Sie erfuhr auch, dass die Kommission, die solche Anträge beurteilt und dann an die Bistümer und Orden weiterleitet, elf Mal getagt und 560 Mal eine Entschädigungszahlung befürwortet hat. Ein halbes Dutzend Anträge ist noch nicht entschieden, ein gutes Dutzend offenbar abgelehnt worden, was eine Anerkennungsquote von fast 95 Prozent bedeutet.

Auch sei in einigen Fällen die Härtefallregelung angewandt worden, der zufolge Opfer mehr als 5000 Euro bekommen können. Der Sprecher der Bischofskonferenz, Matthias Kopp, wollte die Zahlen nicht kommentieren, sagte aber, man arbeite "zügig" daran, die Opfer zu entschädigen.

Opfervereinigungen gehen von deutlich mehr als 2000 Menschen aus, denen in den vergangenen Jahrzehnten als Kindern und Jugendlichen Gewalt im Bereich der katholischen Kirche widerfahren ist. Dies würde bedeuten, dass bislang nicht einmal ein Drittel derjenigen, die einen Anspruch auf Entschädigung hätten, auch einen Antrag gestellt haben.

"Viele Opfer verzichten auf das Geld"

Ähnliche Zahlen gibt es bei den Jesuiten: Dort heißt es, dass bis zu 200 Kinder und Jugendliche an den Schulen des Ordens missbraucht wurden. Nach Angaben des Sprechers Thomas Busch haben 65 von ihnen über die Bischofskonferenz einen Antrag auf Entschädigung gestellt, 48 haben inzwischen je 5000 Euro ausgezahlt bekommen.

Im Benediktinerkloster Ettal dagegen liegt die Antrags-Quote bei mehr als 50 Prozent; hier soll es mehr als 100 Opfer sexueller Gewalt und exzessiver Schläge geben. Und fast 70 ehemalige Schüler und Internatszöglinge haben eine Entschädigung beantragt, zu einem Drittel wegen sexuellen Missbrauchs. Das Kloster entschädigt unabhängig vom Verfahren der deutschen Bischofskonferenz; Ende August soll hier eine Kommission entscheiden, ob und wie Antragsteller Hilfe und Entschädigung bekommen.

"Viele Opfer verzichten auf das Geld", sagt Robert Köhler, der Vertreter der Ettaler Opfer. Bei manchen sei immer noch die Schamschwelle zu hoch, andere fürchteten eine Retraumatisierung, wieder anderen sei der Antragsweg zu kompliziert. "Und dann gibt es welche, die wollen nur noch ihre Ruhe", sagte Köhler.

Deshalb sei es gut, dass das Kloster Ettal einen Fonds von 500.000 Euro eingerichtet habe - mit der Zusage, dass nicht abgerufenes Geld anderen Missbrauchsopfern zugute kommen wird. Bei 600 Entschädigungszahlungen von 5000 Euro kämen auf die Bistümer und Orden Kosten von insgesamt drei Millionen Euro zu; Therapiekosten und mögliche Zahlungen in einen Fonds der Bundesregierung nicht eingerechnet.

Wie viele Anträge in welchem Bistum gestellt wurden, ist schwer herauszufinden. Das Bistum Regensburg und das Erzbistum München-Freising zum Beispiel lehnen die Veröffentlichung von Zahlen derzeit ab, das sei "noch nicht seriös", erklärte der Münchner Bistumssprecher Bernhard Kellner. Andere Bistümer haben da weniger Probleme. In Trier sind 44 Opfer bekannt, 26 von ihnen haben einen Antrag gestellt, 18 bereits Geld bekommen.

In Mainz wurde von 16 Anträgen einer abgelehnt, sechs Opfer haben bereits Geld erhalten. Im Erzbistum Freiburg gingen 44 Anträge ein, von denen 41 bearbeitet sind; im August sollen die Auszahlungen beginnen. "Man kann immer sagen, das ist zu wenig," sagt der Sprecher des Erzbistums, Robert Eberle, "aber die katholische Kirche ist die einzige Institution, die das tut."