Sexuelle Gewalt in Indien "Zunehmende Gräueltaten gegen Frauen"

Nach der Vergewaltigung einer Studentin ist in Indien eine hitzige Debatte entbrannt. Vor allem junge Studentinnen und Studenten diskutieren über die Rolle der Frau in der indischen Gesellschaft. Der Kriminalstatistik zufolge ist die Zahl der sexuellen Übergriffe seit 1971 um fast 900 Prozent gestiegen.

Von Clemens Markus

Eine Demonstrantin kritisiert die Tabuisierung sexueller Gewalt in der indischen Gesellschaft; viele Opfer wagen es nicht, Anzeige zu erstatten.

(Foto: AP)

Nach tagelangen gewalttätigen Demonstrationen infolge der Vergewaltigung einer jungen Frau in Delhi ist es am Donnerstag zwar zunächst friedlich geblieben in der indischen Hauptstadt, doch zur Ruhe gekommen ist das Land noch nicht.

Ein Ausschuss des Parlaments lud Polizeichef Neeraj Kumar vor und befragte ihn zu "den zunehmenden Gräueltaten gegen Frauen in Delhi", wie die Indian Times berichtete. Zuvor hatte die Regierung eine Kommission eingesetzt, die den Vorfall untersuchen soll, der vor allem unter jungen Studenten und Studentinnen eine hitzige Debatte über die Rolle der Frau in der indischen Gesellschaft ausgelöst hat.

Auslöser der Proteste und Krawalle mit mehr als hundert Verletzten und einem Toten war die Vergewaltigung einer 23-Jährigen durch sechs Männer in einem Bus in Delhi. Die Frau war am 16. Dezember mit ihrem Freund fälschlicherweise in einen privaten anstatt in einen öffentlichen Bus eingestiegen, in dem eine angetrunkene Gruppe Männer saß.

Diese schlugen mit Eisenstangen auf das Paar ein und vergewaltigten schließlich nacheinander die Studentin. Anschließend warfen sie das verletzte Paar aus dem fahrenden Bus auf die Straße. Die junge Frau erlitt Kopf- sowie schwerste innere Verletzungen. Die mutmaßlichen Täter befinden sich inzwischen in Haft, ihr Prozess soll am 3. Januar beginnen.

Das Opfer wurde inzwischen zur weiteren Behandlung in eine Spezialklinik nach Singapur ausgeflogen. Die junge Frau, die bereits mehrere Male operiert wurde, sei "in einem extrem kritischen Zustand", teilte das Mount-Elizabeth-Krankenhaus in dem Stadtstaat am Donnerstag mit.

Zwar machte das Krankenhaus keine Angaben zur Art der Behandlung für die 23-Jährige. Einer der indischen Ärzte der Frau hatte aber zuvor gesagt, die Patientin werde verlegt, weil die Klinik in Singapur bessere Transplantationsmöglichkeiten habe, vor allem wenn mehrere Organe betroffen seien. Die indische Regierung hatte sich bereit erklärt, die Kosten für die Behandlung in Singapur zu übernehmen.