Sebastian Edathy Botschaften eines Isolierten

Wo mag er sein? In Dänemark, in Spanien? Hier, Anfang 2013, ist Sebastian Edathy noch Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses.

(Foto: dpa)

Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Sebastian Edathy wegen des Verdachts auf Besitz von kinderpornografischen Bild- und Videodateien. Der SPD-Politiker gibt derweil bei Facebook tiefe Einblicke in seinen Gemütszustand - in einem Gedicht greift er die Medien an.

Von Christoph Hickmann, Berlin

Sebastian Edathy kam 1998 für die SPD in den Bundestag, vor etwas mehr als fünf Monaten legte er sein Mandat nieder. Eineinhalb Jahrzehnte lang war er also Abgeordneter, und man könnte meinen, dass aus dieser Zeit Bindungen geblieben sein müssten, Kontakte, wenn auch vielleicht nicht unbedingt Freundschaften. Doch wenn man sich dieser Tage unter SPD-Abgeordneten umhört und etwa danach fragt, wo sich Edathy gerade aufhalten möge, lauten die Antworten in etwa: keine Ahnung. Nichts gehört. Kein Kontakt mehr, schon sehr lang nicht mehr.

Das kann bedeuten, dass die Leute nicht die Wahrheit sagen, um ihren ehemaligen Kollegen zu schützen. Oder dass die ohnehin losen Verbindungen zu dem immer wieder als Einzelgänger beschriebenen Niedersachsen tatsächlich gekappt sind.

Im Februar hatten Polizei und Staatsanwaltschaft Edathys Wohnung durchsucht, es ging darum, dass er sich Aufnahmen nackter Jungen besorgt hatte. Das Ganze weitete sich zur politischen Causa aus, weil herauskam, dass die SPD-Spitze schon seit längerer Zeit von dem Verdacht gegen Edathy wusste. Informiert hatte sie Ende 2013 der damalige Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), der deshalb im Februar als Landwirtschaftsminister zurücktreten musste. Und Edathy? Der tauchte ab.

Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Edathy

Die Staatsanwaltschaft Hannover klagt den früheren SPD-Abgeordneten Sebastian Edathy an. Der Politiker soll kinderpornografische Fotos und Videos besessen haben. Edathys Anwalt bezeichnet die Anklageschrift als "keine tragfähige Grundlage für einen Prozess". mehr...

Zunächst wurde dann kolportiert, er halte sich in Dänemark auf - doch im März sprach er ausführlich mit dem Spiegel, in einer, wie es dort hieß, "kleinen südeuropäischen Stadt", in der es um diese Jahreszeit unwahrscheinlich sei, dass er erkannt werde. "Ich verstecke mich nicht. Ich habe aus Gründen des Selbstschutzes entschieden, mich gegenwärtig nicht in Deutschland aufzuhalten", sagte Edathy dem Magazin.

Wo er jetzt ist? In Niedersachsen gibt es Gerüchte, er halte sich in Spanien auf. Ein Foto, das er vor wenigen Tagen auf seine Facebook-Seite gestellt hat, könnte allerdings darauf hindeuten, dass er zumindest zwischendurch mal in Deutschland war. Es zeigt das Schild einer Gastwirtschaft, die mit "Hausschlachtung" wirbt. "Medienrepublik Deutschland 2014" hat Edathy dazu geschrieben und diesen Kommentar mit einem sogenannten Smiley versehen, wie er gemeinhin verwendet wird, um Ironie oder leichtes Augenzwinkern zu kennzeichnen. Ob Edathy das Foto allerdings überhaupt selbst aufgenommen hat, woher es stammt, wie alt es ist, darauf liefert er bei Facebook keinen Hinweis.

"Der Daumen, der nach unten zeigt, der trifft bei mir auf Heiterkeit"

Dafür gewährt er dort Einblicke in seinen Alltag und Gemütszustand. Am 5. Juli etwa veröffentlichte er in dem Netzwerk ein vor dem Fernseher aufgenommenes Foto. Im Vordergrund ist etwas zu sehen, was der Hinterkopf eines Hundes sein könnte, im Hintergrund leuchtet der Bildschirm, auf dem eine Szene aus einem Fußballspiel zu erahnen ist. "Der beste Grund, WM zu schauen, ist, weil der Hund das mag . . .", schrieb Edathy dazu. Zwei Tage später teilte er seinen Lesern mit: "Was mich am meisten kränkt, ist das Ausmaß an Mittelmäßig- und Durchschnittlichkeit, mit dem ich seit Monaten konfrontiert werde." Die Republik sei "irgendwie" schon mal "besser und reflektierter sortiert" gewesen. In dieser Woche verbreitete er ein Zitat, als dessen Urheber er den chinesischen Philosophen Konfuzius angab: "Finde nicht mehr Gefallen am Fallen anderer als am eigenen Gehen - oder prüfe Deinen Weg."

Immer wieder kommentiert Edathy bei Facebook auch Medienberichte über sich, generell scheint er sich ungerecht behandelt zu fühlen. Am Mittwoch stellte er ein Gedicht auf seine Seite, in dem er klarmacht, was er von einigen Redaktionen hält: "FAZ und Tagesspiegel? Lieber kauf' ich mir nen Igel", heißt es zum Auftakt. Und weiter: "Taz und Rundschau, ARD? Hm, Moment, ich sage: Ne." Die SZ kommt ebenso vor, in der nächsten Zeile heißt es:

",Bild' oder SZ genehm? Wie spät ist es? Ich muss gehn." Das Gedicht endet so: "Das Beste an nem Urteil sei / So sagt man / Es macht ziemlich frei / Von dem was wir nicht wissen wollen / Wissen könnten oder sollen. Der Daumen der nach unten zeigt / Der trifft bei mir auf Heiterkeit."

Am Donnerstag, dem Tag danach, wird bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Hannover gegen Edathy Anklage wegen des Verdachts auf Besitz von kinderpornografischen Bild- und Videodateien erhebt.