Die Schweiz verhält sich wie ein Musterschüler und bekommt trotzdem schlechte Noten. Nun wollten die Schweizer "endlich einmal trotzig sein" - und das Land könnte ein Pionier für die Welt werden.
In der jüngsten Ausgabe der Schweizer Monatshefte (November 2009) findet sich ein Artikel des Wirtschaftswissenschaftlers Radu Golban, in dem er aufzählt, wie willfährig die Schweiz in den vergangenen Jahren ihren Nachbarn gegenüber gewesen sei - und wie schlecht sie es ihr gedankt hätten. Kaum dass die Schweiz dem Schengener Abkommen beigetreten sei, habe Peer Steinbrück sie zum Schurken einer globalisierten Steuerpolitik erklärt. Kaum habe sie Roman Polanski verhaftet, einem amerikanischen Auslieferungsbegehren folgend, seien die Intellektuellen und Künstler der ganzen Welt über sie hergefallen.
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Mit diesem Plakat wurde in der Schweiz für das Minarett-Verbot geworben. (© Foto: dpa)
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Die Schweiz habe, nach Verhandlungen mit der Europäischen Union, ihren Arbeitsmarkt für Ausländer geöffnet - und die Schweizer hätten dafür Lohnsenkungen hinnehmen müssen, weil die Zugewanderten billiger waren. Und habe die Schweiz nicht, mehr oder minder, ihr Bankgeheimnis opfern müssen, obwohl sie alle geltenden Doppelbesteuerungsabkommen mit den Vereinigten Staaten und den Ländern der Europäischen Union nach Geist und Buchstabe geachtet habe? Die Schweiz, so Radu Golban, verhalte sich wie ein Musterschüler und bekomme trotzdem schlechte Noten. Es sei aber vielleicht an der Zeit, "endlich einmal eine schlechte Zensur zu wagen".
Genau dieses ist am vergangenen Sonntag geschehen, als sich eine deutliche Mehrheit der wählenden Schweizer für ein Verbot von Minaretten aussprach. Die Empörung, die Sorge, die diese Entscheidung im Ausland auslöst, die Scham, von der seitdem die selbstbewusst aufgeklärten Schweizer befallen sind - auch darauf war es den Initiatoren dieser Volksabstimmung angekommen. Damit stießen sie nicht nur, was keine Überraschung gewesen wäre, auf das Verständnis, sondern auch, was dann doch eine Überraschung wurde, auf die Unterstützung von überraschend vielen Bürgern.
Zeichen setzen
Ein Zeichen sollte hier gesetzt werden, ein Zeichen der Verbockung, im doppelten Sinne: einen Fehler begehen, einen Missgriff tun, und sich dafür weder entschuldigen noch zur Rechenschaft ziehen lassen, sondern den Fehler fortsetzen, selbstbewusst und unbelehrbar. Die plötzlich so offensichtliche Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz trägt fundamentalistische Züge. Denn sie ist, eben weil sie so demonstrativ, so ganz bild- und symbolorientiert daherkommt (man denke nur an das Plakat mit den raketengleichen Minaretten und den dunkel drohenden Augen unter der Burka), von einem tiefen Zweifel an sich selbst getragen - einem Zweifel, gegen den man sich durch die Tat immunisieren will: endlich einmal eine schlechte Zensur wagen.
Die Schweiz war einmal, und es ist nicht lange her, eines der schönsten und reichsten Länder der Welt, geachtet auf der ganzen Welt, respektiert als Mittler zwischen den großen Mächten, souverän und befriedet - ein relativ kleiner, zentral (und landschaftlich reizvoll) gelegener Staat, der zu niemandem gehörte, den aber alle brauchten, ein guter Makler, dem keiner übelnahm, wenn er als Vermittler auch reich wurde. Seit den neunziger Jahren, seit dem Ende der großen politischen Blöcke, besteht indessen kein Bedarf mehr an einem solchermaßen neutralen Ort.
Seitdem verwandelt sich die Schweiz, Stück für Stück, Niederlage nach Niederlage, vom "Grounding" der Swissair im Jahr 2001 bis zur, nach Schweizer Recht womöglich illegalen, Herausgabe von Kundendaten der UBS an amerikanische Behörden im vergangenen Februar, in den kleinen Staat innerhalb einer globalisierten Ökonomie, mit dessen überschaubarer Größe sie allenfalls noch kokettiert - während sie es eigentlich ganz unerträglich findet, in welchem Maße die deutsche, die europäische und die amerikanische Politik im eigenen Land die Regeln setzt, in welchem Maße sie also abhängig ist.
Von Ouagadougou, von der Hauptstadt Burkina Fasos, sprach Peer Steinbrück, der gewesene Finanzminister Deutschlands, als er im Mai dieses Jahres die kleinen Staaten Westeuropas zur einer OECD-Nachfolgekonferenz einlud, nicht ohne sie zu verhöhnen - und damit meinte er auch die Schweiz. Der Vergleich war undiplomatisch gewählt und wurde so, als Absage an alle Verhandlungen, auch verstanden. Zu Recht. Denn Argumente, Begründungen werden nur zwischen zumindest formal Gleichen ausgetauscht, zwischen Starken und Schwachen hingegen genügt in der Regel das Herzeigen der Instrumente.
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Jetzt mal eine Frage:
Wie würden die westlichen Laender reagieren wenn man in der Türkei über die Kirchtürme ein Votum veranstallten würde. Mann muss auch beachten das diese in der Türkei erlaubt sind zu bauen und auch mit dem ganzen Glocken gelaeute.
Mann kann sich sicher sein das ein Grossteil des Volks für ein Verbot stimmen würde, das waere auch Demokratie.
Aber ob es Ethisch und Moralisch waere ist eine andere Frage.
Schon mal eine Christliche Kirche ohne einen Glockenturm gesehen? Und dabei brauch die Kirche das nicht...
Die Schweizer mögen keine Rechenschaft schuldig sein, das heißt aber nicht, dass in Deutschland nicht darüber geredet werden darf. Das ist nun mal so in einer Freien Gesellschaft. Übrigens währe so eine Abstimmung in DE nicht möglich, weil es klar gegen das Grundrecht auf Religionsfreiheit verstößt. Das ist ein kleiner Vorteil gegenüber dem Schweizer Modell.
Wobei ich ehrlich zugebe, dass das Schweizer Modell demokratischer ist. Eines sollte ich hier jedoch klar stellen. Ich finde, dass die Schweizer Demokratie mit dieser Abstimmung aufs schlimmste von den rechts gerichteten Gruppen misshandelt wurde. Mann hat mit Angst eine Menschengruppe gegen eine kleinere gebracht. Und darüber darf und wird man auch in DE schreiben und sprechen.
"Ansonsten: kein Schweizer Bürger ist Ihnen Rechenschaft pflichtig" der Meinung bin ich auch, aber sie ist doppelschneidig. Könnte man nicht auch sagen , kein Iranischer Bürger ist den Rest der Welt rechenschaft schuldig wenn sie eine Uran Anreicherrungsanlage bauen wollen ?
Zumal die schärfsten Gegner die jenigen sind, die 2 Atombomben auf Japan geworfen haben.
Auch ich bin dagegen was in Iran geschiet,aber wo sind da die Grenzen der Moral ? für wem ist sie gültig und für wem nicht ? Schwierige Frage nicht war ? Natürlich kein Schweizer Bürger ist mir Rechenschaft schuldig und der Iran ? Schwierige Frage :-))
fraglos steht Ihnen das Recht auf Ihre Meinungsäusserung zu, allerdings die Teile darin, die mehr oder weniger "belegt" und/oder nations-psychologisch oder gar lufthoheitlich dazu, was Demokratie zu sein hat - bzw. was keine "Demokratie" ist, weil "verbockt" müssen Ihnen zurückverwiesen werden. Zur freundlichen Reflektion vielleicht am Besten.
Die Verwahrungslosung der demokratischen Sitten beobachte ich allerorten, das muss man zunächst einmal hinnehmen, nur, Herr Steinbach, Ihr Wirbel betrifft, wenn überhaupt Ihr höchsteigenes Land, das schöne Deutschland. Diesem habe ich keine Nachhilfe zu geben, wage aber doch den Rat, Demokratie noch mehr und gründlicher zu üben.
Den Schweizer Bürgern quasi über seltsamste Diagnoseführung zu unterschieben, sie seien quasi einem Plakat und einer dümmlichen Trotzhaltung erlegen, ist schlicht falsch und es steht Ihnen nicht zu, sich so zu äussern.
Im Gegensatz zu Ihrem schönen Land, kann z.B. nun die Nein-Fraktion erneut auf die Strasse gehen, kann 100 000 Unterschriften sammeln und eine neue Initiative verlangen. Ich nehme an, dass dann statt 57% Zustimmung, die Rate bei 90% liegen wird.
Sie sollten der tradierten deutschen Maxime des notfalls so lange Abstimmens, bis es u.a. Ihre Zustimmung erhält, abschwören.
Ansonsten: kein Schweizer Bürger ist Ihnen Rechenschaft pflichtig und die Gründe, die zum Ja führten, liegen auf der Hand. Man wünscht in der Schweiz keine weiteren Minarette, man will einer repressiven Bewegung Einhalt gebieten und man freut sich daran, wenn "ziehst Du nach Rom, dann lebe wie die Römer, ein wenig entsprochen wird. Ansonsten darf in meiner Schweiz jeder nach seiner Facon selig werden.
Paging