Schweiz Gotthard-Basistunnel: Was die Deutschen von den Schweizern lernen können

Deutschland hat den BER immer noch nicht, die Schweiz bald die längste und tiefste Röhre der Welt. Sie ist nicht nur ein umjubeltes Meisterwerk der Ingenieure, sondern auch eines der Demokratie.

Von Charlotte Theile, Zürich

Oktober 2010. Tausende Meter unter dem Gotthard-Massiv haben die Mineure, die Stollengräber, die erste Röhre dessen durchstoßen, was einmal der längste Eisenbahntunnel der Welt werden soll. Die internationalen Zeitungen schreiben von einem "Land im Freudentaumel", es klingt lächerlich übertrieben.

April 2016, noch fünf Wochen bis zur feierlichen Eröffnung. Doris Leuthard, christdemokratische Politikerin und Verkehrsministerin der Schweiz, sitzt in einem provisorischen Sitzungszimmer und versucht, sich an ein Infrastrukturprojekt zu erinnern, bei dem mal alles schiefging. Einen Berliner Flughafen gibt es in der Schweiz nicht, das ist klar. Vielleicht aber einen furchtbar schlecht erneuerten Autobahnabschnitt?

Ihre Pressesprecherin erinnert an einen "etwas mühsamen Stausee", aber das ist lange her. Doris Leuthard schüttelt langsam den Kopf. Es soll nicht so aussehen, als ob in der Schweiz alles klappen würde und man den Deutschen jetzt erklärt, was sie alles falsch machen. Aber irgendwie stimmt es ja dann doch.

Der Tunnel der Rekorde

23 Jahre Bauzeit, fast 30 Millionen Tonnen Schutt wurden bewegt. Der Gotthard-Basistunnel ist endlich eröffnet. Unsere Grafik zeigt Ihnen das Jahrhundertbauwerk. mehr ... Interaktive Grafik - 360° Gotthard-Basistunnel

Wenn am 1. Juni der 57 Kilometer lange Gotthard-Basistunnel eröffnet wird, wenn Verkehrsminister, Staatschefs und andere Würdenträger von Erstfeld, Kanton Uri, nach Pollegio, Kanton Tessin, und umgekehrt reisen, zeigen die Schweizer den umliegenden Ländern so richtig, wie man Großprojekte so anlegt und durchführt, dass sie wie gewünscht funktionieren.

Etwa zwölf Milliarden Euro hat der modernste Eisenbahntunnel der Welt - von innen eher ein futuristisches Krankenhaus denn ein industrielles Bauwerk - die Schweiz gekostet. Das ist mehr, als man zu Beginn eingeplant hat, aber es ist keine Kostenexplosion. Auch das Eröffnungsdatum liegt im Zeitplan, irgendwann wurde es sogar ein Jahr nach vorn verlegt.

Hohe Summe, begleitet von Stolz

Auf gottardo2016.ch zählt ein Countdown die Sekunden, bis es endlich so weit ist. Für die erste Fahrt durch den Tunnel wurden tausend Tickets verlost, Passanten drängen sich an den großen Bahnhöfen des Landes durch Tunnel-Ausstellungen.

Große Zahlen sollen fassbar machen, was am Gotthardmassiv entstanden ist: 28 Millionen Tonnen Ausbruchmaterial. 2300 Meter tief in der Erde. 325 Züge pro Tag. Immer werden auch die Kosten der feierlichen Eröffnung genannt. Zwölf Millionen Franken, etwa elf Millionen Euro. Doch selbst diese Summe, sie klingt verschwenderisch hoch, ist begleitet von Stolz. Jedes Kind lernt in diesen Tagen: In der Schweiz entsteht etwas, das man auf der ganzen Welt nicht findet.

Gibt es Tunnelgegner? Bürgerinitiativen, die fürchten, die Alpentransversale bringe das ökologische Gleichgewicht durcheinander? Doris Leuthard schüttelt schon wieder den Kopf. "Das war ein jahrzehntelanger Prozess, in dem wir uns dem Projekt immer weiter angenähert haben. Schon 1962 wurde eine entsprechende Kommission vom Bund eingesetzt." Dann gingen viele Jahre ins Land. Der Tunnel rutschte auf der Prioritätenliste nach hinten. In den 1980er-Jahren, als die Straßen immer voller wurden, kehrte er zurück.