Schweden "Völlig unschwedisch"

Die Einführung der Kontrollen an der Grenze zu Dänemark verärgert Pendler - plötzlich stört sie der harte Flüchtlingskurs ihrer Regierung.

Von Silke Bigalke, Kopenhagen

Minus zwei Grad, über den Bahnsteig am Kopenhagener Flughafen weht ein eisiger Wind. Den Zug über die Brücke nach Malmö, nach Schweden, haben Anton Boman und seine Freundin gerade verpasst. "Ziemlich schrecklich" finde er das alles, sagt der junge Schwede. Er wohnt und arbeitet in Malmö, sie in Kopenhagen. Eine halbe Stunde von einem Zentrum ins andere schienen ein kleiner Preis dafür zu sein, sich täglich zu sehen. Doch nun müssen die beiden dafür eine künstliche Grenze passieren. Seit Montag sind Unternehmen, die Passagiere mit Bus, Bahn oder Fähre nach Schweden bringen, verpflichtet, deren Personalien zu prüfen.

Die dänische Staatsbahn DSB hat am Kopenhagener Flughafen eine Grenze aus schwarzem Absperrband errichtet, bewacht von Sicherheitsleuten in gelben Jacken. Wer an ihnen vorbei möchte, muss einen Lichtbildausweis vorzeigen und ihn fotografieren lassen. Am Montagmorgen hat das viele offenbar abgeschreckt hat, das Gleis bleibt zunächst leer, das erwartete Chaos bleibt aus. Die meisten der etwa 18 000 Menschen, die täglich über die Öresund-Brücke pendeln, wohnen in Schweden und arbeiten in Dänemark. Sie fahren morgens von Malmö nach Kopenhagen, in dieser Richtung wird bisher nicht kontrolliert. Erst auf dem Heimweg müssen Pendler am Flughafen umsteigen und durch die Schleuse. Gegen Abend drängen dann deutlich mehr Menschen auf den Bahnsteig. Allerding stehen dort bereits mehr Kontrolleure bereit, niemand muss länger als ein paar Minuten warten.

Missfallen in Kiel Vor vier Monaten standen, saßen und lagen Flüchtlinge im Bahnhof von Flensburg sowie auf der dänischen Seite der Grenze in Padborg und warteten. Die Züge Richtung Kopenhagen und weiter nach Schweden fuhren nicht, zwischenzeitlich war sogar die Autobahn dicht, weil Dänemarks Regierung den Transitverkehr gestoppt hatte. Tags darauf ging es weiter, aber Behörden und Helfer in Schleswig-Holstein und im grenznahen Nachbarland spürten, was so ein Rückstau bedeuten kann. Unangenehm war das besonders Dänen, die angesichts der restriktiven Politik ihrer Führung um den Ruf ihrer Heimat fürchten. Die Zahl der Schutzsuchenden nahm später auch an Häfen wie Kiel oder Rostock zu, als Schweden wieder Kontrollen einführte, ehe sich die Lage beruhigte. Und nun inspiziert Dänemark also seit Montag stichprobenhaft Pässe, was vor allem den Kollegen in Schleswig-Holstein missfällt. Die Maßnahmen könnten die Stimmung und die Pendler belasten, meint Ministerpräsident Torsten Albig (SPD). Immerhin seien die Kontrollen nicht flächendeckend und nur vorübergehend geplant. Die Flensburger SPD-Landtagsabgeordnete und Flüchtlingshelferin Simone Lange fürchtet, dass der Vorstoß besonders jene Flüchtlinge treffe, deren Papiere tatsächlich verloren gegangen sind. Dies sei "effektlose Symbolpolitik", findet auch der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, Rasmus Andresen. Dänemark müsse sich bei der Verteilung der Geflüchteten offener zeigen als bisher. Nicolas Jähring von "Refugees Welcome" in Flensburg sagte der Zeitung shz: "Für uns im Grenzland ist es schwer zu ertragen, dass jetzt Grenzkontrollen eingeführt werden." Peter Burghardt

Der Streit um die Kontrollen und die richtige Flüchtlingspolitik bewegt die Menschen auf beiden Seiten der Öresund-Brücke seit Wochen. Bisher war Dänemark für viele Flüchtlingen Durchreiseland, die Asylpolitik ist dort restriktiver als in Schweden. In Schweden haben vergangenes Jahr 163 000 Menschen Asyl gesucht, in Dänemark etwa 18 500. Nun klagt die Regierung in Stockholm, die Belastungsgrenze sei erreicht. Wer sich nicht ausweisen kann, den will sie nicht mehr ins Land lassen. Das sei legitim, betont sie auf ihrer Internetseite. Schließlich könnten die Menschen, die nun nicht mehr in Züge, Busse oder auf Fähren steigen dürfen, Asyl beantragen, wo sie gerade sind - also in Dänemark oder Deutschland. Die Ausweisüberprüfungen seien keine Grenzkontrollen.

Die Schwedin Eva Stålhammar ist auf dem Weg nach Hause, sie hat Weihnachten bei ihrer Schwester in Dänemark verbracht. "Man hätte damit schon vor langer Zeit anfangen sollen", sagt die Pensionärin zu den Kontrollen. Pendler Anton Boman dagegen findet das völlig "unschwedisch". Er versteht die Kehrtwende in der bisher so liberalen Flüchtlingspolitik nicht und hält die neuen Regeln für ein großes Problem für die Region um den Öresund. In dem Design-Studio, in dem er in Malmö arbeite, pendelten mehrere Kollegen täglich. Der Schwede rechnet mit zwei Stunden extra, die ihn die Kontrollen am Tag kosten könnten, mit Umsteigen, Schlange stehen und dem neuen Zugfahrplan. Denn der Öresundståg, der Zug über die Brücke, fährt in den Stoßzeiten nur noch halb so oft wie sonst. Auf der schwedischen Seite der Brücke wird er erneut aufgehalten: Dort prüft die Polizei noch einmal alle Ausweise, Grenzkontrollen seit November.

Zunächst zeitlich begrenzt: Schwedische Sicherheitskräfte stellen an einem Bahnhof im südlichen Malmö Zäune auf.

(Foto: Johan Nilsson/TT News Agency/Reuters)

Dass nun auch noch eine Sicherheitsfirma Fotos von Ausweisen macht, finden viele befremdlich. Die Bahngesellschaft wolle so die Kontrollen dokumentieren, sagt Sprecher Bispeskov. Transportunternehmen, die ihre Passagiere nicht überprüfen, müssen mit einer Strafe von 50 000 schwedischen Kronen, etwa 5400 Euro, rechnen. Dabei kosten die Kontrollen die dänische Bahngesellschaft umgerechnet 134 000 Euro am Tag. Bis zu 34 Kontrollschleusen kann sie öffnen, 150 Sicherheitskräfte hat sie eingestellt. Sie hat einen Zaun zwischen den Gleisen errichtet, damit niemand die Schleuse umgehen kann. Die schwedische Bahn hat beschlossen, ihre Fernzüge nach Stockholm nicht mehr von Kopenhagen, sondern erst ab Malmö fahren zu lassen.

Åsa Johansson lebt in Dänemark, arbeitet in Malmö. Am Montagmorgen sitzt die Schwedin im leeren Zug. "Ich habe viel mehr Chaos erwartet", sagt sie. Auf ihrem Schoß liegt der dänische Roman "Den Grænseløse", "Der Grenzenlose". Åsa Johansson hält die Kontrollen für überflüssig: "Wir haben den Platz, wir haben das Geld, die Flüchtlinge sind kein Problem."

Die schwedische Regierung hat kaum Vorgaben gemacht, wie die Kontrollen aussehen sollen. Am Flughafen ist man unsicher, ob etwa ein deutscher Personalausweis ausreicht, um den Fahrgast zu identifizieren. Der EU-Führerschein sei sicherer, sagt der Mann in gelber Weste. Er habe an diesem Morgen bereits mehrere Menschen ohne Ausweis zurückgeschickt, sagt er. Zurück wohin? "Unsere Aufgabe ist, die Menschen zu stoppen, bevor sie in den Zug steigen", sagt Tony Bispeskov von der Bahn. Alles andere sei Sache der Polizei.