Schwarz-Grün in Hessen Ein geradezu aberwitziges Experiment

Bald Koalitionäre: Hessens CDU-Regierungschef Bouffier und der hessische Spitzenkandidat von Bündnis 90/Die Grünen, Tarek Al-Wazir.

Es ist eine Sensation: Erstmals steht in einem Flächenland eine schwarz-grüne Koalition an. Und das ausgerechnet in Hessen, wo die Distanz zwischen CDU und Grünen gewaltig ist - politisch und menschlich.

Ein Kommentar von Jens Schneider, Wiesbaden

Die Verachtung war echt. Die Grünen und die Christdemokraten mussten sich nie verstellen, um einander im Landtag zu Wiesbaden zu beschimpfen. Geprägt wurde diese Tradition in den Zeiten der harten Kämpfer Joschka Fischer und Roland Koch. "Die nehmen immer gleich den Knüppel", sagte der Grünen-Chef Tarek Al-Wazir über die CDU Hessen. Und warf ihr fehlende Modernität vor. Es war seine Art, den Knüppel zu schwingen; eines von vielen Beispielen für Fremdheit und Abneigung zweier Parteien, deren Akteure sich kaum persönlich kannten.

Es ist ohnehin eine Sensation, dass erstmals in einem Flächenland eine schwarz-grüne Koalition ansteht. Aber das Experiment in Hessen erscheint angesichts der Vorgeschichte geradezu aberwitzig. Nicht nur menschlich, auch politisch war die Distanz gewaltig, ob es nun um Bürgerrechte, Energiewende oder den Lärmschutz am Frankfurter Flughafen ging. Diese Unterschiede können sich nicht in Luft aufgelöst haben.

So ist die Idee nur dann verständlich, sofern man weitere Motive der Akteure und der Parteien bedenkt, auf Bundesebene. Im Bund erlebt die CDU, wie schwer es mit der SPD sein kann, nachdem ihr die FDP als Partner abhanden gekommen ist.

Es geht um neue Optionen, und die lassen sich zuweilen sogar besser dort ausprobieren, wo die Linien zuvor besonders klar gezogen waren und allen die Unterschiede nur zu gut bewusst sind. So war es schon vor mehr als dreißig Jahren, als der Sozialdemokrat Holger Börner in Hessen die erste rot-grüne Verbindung wagte.

Vom Grußonkel zum Erneuerer

Volker Bouffier, der CDU-Landesvorsitzende und Ministerpräsident, wird das Risiko ausgiebig gewogen haben. Für ihn ist es gering. Bis zum Sommer galt er als profillos und als Auslaufmodell, er wurde auch von den Grünen als Grußonkel verhöhnt. Nun könnte ausgerechnet er als Erneuerer dastehen. Das ist angesichts seiner Passivität in den zurückliegenden Regierungsjahre geradezu komisch. Sollte die Sache schief gehen, hätte der Mann dennoch seinen Platz in der Geschichte der Republik.

Da passt es, wenn die hessischen Grünen sich geschmeidig zeigen und sich inzwischen der CDU näher fühlen als einem Linksbündnis. Sie sind für die der leichtere Partner, verträglicher als die SPD. Aber die Grünen gehen ein großes Risiko ein. Sie müssen eine schlüssige Antwort auf die Frage finden, ob man wirklich alles probieren muss, was möglich erscheint.

Die Erfahrungen anderswo sind nicht ermunternd: Im Saarland gab es die peinliche Episode der Jamaika-Koalition, in Hamburg endete das schwarz-grüne Experiment in einem Fiasko. In beiden Ländern hatten die Grünen immerhin Symbolprojekte ausgehandelt, die das Risiko rechtfertigten.

Bisher ist nicht erkennbar, wo Hessens Grüne so eine Rechtfertigung finden, wenn es nicht allein die Regierungsbeteiligung sein soll, auf die Al-Wazir schon lange wartet. Im Wahlkampf hat seine Partei vor allem zum Lärmschutz am Flughafen viel versprochen. Nun müssen die Grünen zeigen, dass sie mehr sind als ein biegsamer Mehrheitsbeschaffer.