Schuldenkrise in Europa Spanische Demontage

Dem spanische Ministerpräsidenten fällt es anheim, das Sozialsystem Spaniens marktgerecht zu demontieren. Und damit sich selbst. Es stellt sich die Frage: Was kommt nach Zapatero?

Ein Kommentar von Sebastian Schoepp

Wer noch vor zwei Jahrzehnten durch Spanien fuhr, erlebte ein Land, das in der Vergangenheit stehengeblieben zu sein schien. Abseits der Küsten rumpelte man auf staubigen Pfaden durch verfallende Dörfer, durch eine sonnenverbrannte, karstige Ödnis, als böge gleich Don Quijote um die Ecke.Es galt, was Antonio Machado 1912 auf das Kernland Kastilien gedichtet hatte: "Die einstige Gebieterin geht in Lumpen."

Was seitdem passiert ist, haben selbst die Spanier noch nicht richtig fassen können. Aus der Wüste wuchsen Wohntürme, Gewerbegebiete und Megasiedlungen, aus Eselspfaden wurden Autobahnkreuze, aus dem versunkenen Weltreich jenseits der Pyrenäen entwickelte sich die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Der von EU-Geld ausgelöste Boom verwandelte Spanien in kürzester Zeit vom Auswanderungs- in ein Einwanderungsland. Es deutete sich früh an, dass dieser Boom buchstäblich auf Sand gebaut war. Jeder, der in Spanien Geschäfte macht, kennt das Problem: Es ist wenig Geld für Investitionen im Umlauf, die nichts mit Immobilien zu tun haben. Das eigene Heim ist den Spaniern das höchste Gut, Mieten gilt als exotisch. Die Fixiertheit auf unbewegliche Güter ist Kennzeichen einer Gesellschaft, die Mobilität erst zu entdecken beginnt. Wozu auch in die Welt ziehen, wo doch alle Welt nach Spanien kommt? Doch der Verkauf von Sonnenschein reichte eben nicht aus, um einer breiten Masse Reihenhaus mit Pool und dicke Autos zu finanzieren. Die Spanier begannen, auf Pump zu leben. Seit der Krise sitzen die Banken auf Bergen von faulen Krediten.

Die Konservativen hatten den Bauwahn in ihrer Regierungszeit 1996 bis 2004 durch ihre ultraliberale Bodenpolitik befördert und damit eine Beton-Monokultur gezüchtet. Der Sozialist José Luis Rodríguez Zapatero erkannte das Problem. Er begann seine zweite Amtszeit 2008 mit dem Versprechen, erneuerbare Energien, Umwelttechnik und die Wissensgesellschaft zu fördern. Auch im Lateinamerika-Geschäft, in dem spanische Banken, Öl- und Telekom-Unternehmen führend sind, steckt der richtige Ansatz. Die Brücke nach Übersee bringt Hoffnung, sie unterscheidet Spanien fundamental von anderen Krisenkandidaten wie Griechenland.

Doch als Taktgeber für den Prozess sah Zapatero stets den Staat, der nun nicht mehr das Geld hat, den Strukturwandel zu befördern. Der würde auch erst mal einen Mentalitätswandel voraussetzen: weg von den Ansprüchen, hin zur Produktivität. Schnell wird das aber nicht gehen. Wissenschaft und Technik haben keine große Tradition in Spanien, das Land ist stolz auf Künstler und Baumeister von Picasso über Almodóvar bis Calatrava. Die alten Stahl- und Textil- Industrien wurden dichtgemacht, ohne dass Alternativen entstanden. Barcelona war einst das Manchester Spaniens, dann riss man die Fabriken weg und stellte schicke Bürotürme hin. Wer aber in all den Büros arbeiten sollte, darüber wurde nicht viel nachgedacht.

Bis zur Immobilienkrise schien ja auch alles gut zu laufen. Die Sozialisten konnten es sich erlauben, vorerst auf weiche Themen zu setzen. Sie kümmerten sich um die Homo-Ehe oder die Autonomie der Regionen. Daneben trat man ohne Not eine Debatte über die ferne Bürgerkriegs-Vergangenheit los: Die Sozialisten beanspruchten im Nachhinein den moralischen Sieg über Franco. Das war für sie selbst identitätsstiftend, verprellte jedoch die konservative Opposition. Auf deren Hilfe kann der Ministerpräsident nicht mehr zählen. Als EU-Ratspräsident wollte Zapatero eine Renaissance der Sozialdemokratie einleiten, ein Obama Europas werden. Doch seine Vorschläge wurden in Brüssel abgemeiert, der echte Obama sagte seinen Besuch ab, der Mittelmeer-Gipfel fiel aus. Angloamerikanische Ratingagenturen und Spekulanten verfolgen das Land nun wie einst die Piratenschiffe von Sir Francis Drake die trägen spanischen Galeonen.

Zapatero soll sparen und gleichzeitig die Wirtschaft ankurbeln - das ist fast unmöglich. Den Arbeitgebern gehen die Reformen nicht weit genug, die Gewerkschaften zeihen ihn des Verrats an der Arbeiterklasse. Die EU lobt ihn, zu Hause wird es einsam. Immer mehr ähnelt Zapatero einem seiner Vorgänger, Adolfo Suarez. Der dirigierte nach der Franco-Diktatur die Einführung der Demokratie, scheiterte jedoch daran, sie zu verwalten. Wie einst Suarez ist Zapatero das, was der Schriftsteller Javier Cercas "Held der Demontage" genannt hat. Diese Helden gibt es auch in Portugal und Griechenland - überall dort eben, wo es Sozialdemokraten anheimfällt, die Sozialsysteme ihrer Länder marktgerecht zu demontieren. Und damit sich selbst.

Was nach Zapatero kommt? Die rechte Volkspartei hat sich durch ihre unpatriotische Obstruktionspolitik unmöglich gemacht. Die Spanier werden sich noch mehr in Regionalismen flüchten, in Zeiten der Not lehnt man sich an den heimischen Kirchturm. Vor allem die Parteien der reichen Katalanen und Basken, die bisher im Madrider Parlament eine Nebenrolle gespielt haben, werden stärker werden. Für die spanische Einheit bedeutet das nichts Gutes, belgische Verhältnisse drohen. Spanien ist ganz und gar in der Moderne angekommen.