Russland Tschetschenen bekämpfen Russen - mit Tierfotos

Hundestaffel mit Katze: Das tschetschenische Republik-Oberhaupt Ramsan Kadyrow, der Liberale Dmitrij Gudkow, Tschetscheniens Parlamentschef Magomed Daudow (unten links) sowie der süffisante Beitrag des Oppositionellen Ilja Jaschin: eine gepostete Mieze.

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In den sozialen Medien tauschen tschetschenische Führer und russische Oppositionelle Fotos von bedrohlichen Hunden aus. Das ist ernster, als man denkt.

Von Julian Hans, Moskau

Tarzan ist einer von der Sorte, die man besser nicht reizt: Der wedelt nicht mit dem Schwanz, wenn man ihm einen Knochen hinhält, und hat einen Instinkt für Heuchler.

Ausländische Hunderassen mag er gar nicht, "besonders die amerikanischen Pitbulls mit dem dunklen Fell". Hunde aus Europa kann er auch nicht leiden, "vor allem die, die noch vor gar nicht langer Zeit bei uns an der Kette lagen". So laut bellten einige, "dass man das Echo noch aus Moskau hört".

Beim Anblick des Pekinesen Kaljapa aber, "der die verteidigt, die ihm der Pitbull vorschreibt", jucken Tarzan die Reißzähne. Unruhig sei er in letzter Zeit geworden, "man kann ihn kaum noch halten. Ach, was wäre hier wohl los, hätten wir nicht ... die Demokratie!"

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Es gehört nicht viel dazu, um die Anspielungen zu entschlüsseln, die Magomed Daudow am Montag auf Instagram unter einem Foto des zähnefletschenden Tarzan veröffentlichte. Sie gelten US-Präsident Barack Obama, dem ehemaligen Yukos-Chef Michail Chodorkowskij, der bis vor einem Jahr in russischen Lagern "an der Kette lag" und nun von London aus den Kreml kritisiert, dem liberalen Radio "Echo Moskaus" und Igor Kaljapin, dem Vorsitzenden des Komitees gegen Folter, das bis im vergangenen Jahr Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien dokumentierte und vor Gericht brachte.

Und es ist wohl auch absichtlich doppeldeutig, ob die Eigenschaften nur auf den Kampfhund zutreffen oder auch auf den, der ihn an einer kurzen Leine hält: Ramsan Kadyrow.

Kadyrow bekämpft Kreml-Kritiker über soziale Medien

Das Oberhaupt der Tschetschenen liefert sich seit Tagen über Medien und soziale Netzwerke einen Schlagabtausch mit Kreml-kritischen Politikern und Menschenrechtlern. Daudow sekundiert ihm dabei, der finstere Mann ist Vorsitzender des tschetschenischen Regionalparlaments und ein alter Gefährte Kadyrows, bekannt unter seinem Kampfnamen "Lord".

Den Streit trat Kadyrow selbst los, als er am vergangenen Mittwoch Journalisten sagte, Politiker, die nicht zu den Kreml-treuen Parteien gehören, sollten "wie Volksfeinde und Verräter behandelt werden".

Darauf reagierte Konstantin Sentschenko, unabhängiger Abgeordneter im Parlament der sibirischen Stadt Krasnojarsk. "Ramsan, du bist eine Schande für Russland", schrieb Sentschenko auf Facebook. Er beleidige die russische Wissenschaft, weil er sich Akademiker nenne, aber gerade einmal drei Klassen abgeschlossen habe. Er diskreditiere den Titel Held Russlands: "Ich erinnere mich noch an die Zeit, als wir hier in Krasnojarsk für unsere Jungs gesammelt haben, die in den Krieg nach Tschetschenien zogen. Du bist damals durch die Berge gerannt und hast unsere Jungs umgebracht. Sie liegen heute unter der Erde und du bist ein Held Russlands".

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Tschetschenien lebe zu 90 Prozent von Subventionen, Geld, das Moskau den Sibiriern wegnehme. "Wir haben nichts dagegen, solange davon die Löhne von Lehrern und Ärzten bezahlt werden. Aber wenn du ihnen dieses Geld wegnimmst und dir davon Schlösser baust, ist das jenseits von Gut und Böse."

Mehr als 5000-mal wurde das Statement geteilt, doch der Mut des Sibiriers war bald gebrochen: Zwei Tage später veröffentlichte Kadyrow auf Instagram ein Video, in dem sich Sentschenko unterwürfig beim "sehr verehrten Ramsan Achmatowitsch" entschuldigt. Er sei nie in Tschetschenien gewesen, nun hätten ihn "Vertreter des tschetschenischen Volkes besucht". Wie sie den Abgeordneten umstimmten, wurde nicht bekannt.

Menschenrechtler warnen vor Kadyrow

Dennoch brachten einige Liberale den Mut auf, zu protestieren. Dmitrij Gudkow, letzter Kreml-kritischer Abgeordneter in der Staatsduma, veröffentlichte auf Facebook ein Foto von sich und seinem Hund. "An M. Daudow, genannt Lord", schrieb er: "Ich habe mir Ihren Tarzan angesehen. Das hier ist mein tibetischer Mastiff Ellmann. Ein Haustier, aber kein politisches Argument."

Daudow legte nach mit einem Bild von sich zwischen zwei Schäferhunden: Diese zwei "Kaukasier" verstünden nicht, was ein "politisches Argument" sei, dafür seien sie "darauf abgerichtet, bis zum Tod zu kämpfen".

Der junge Oppositionspolitiker Ilja Jaschin entlarvte das Geprotze mit einem Bild von seiner Katze, diese sei "auch ein raues Tier". Als Protest gegen die Einschüchterung eroberte kurzzeitig der Hashtag #KadyrowSchandeRusslands die Twitter-Trends.

Dass mit Kadyrow und seiner Umgebung nicht zu spaßen ist, dürfte niemandem so klar sein wie dem Oppositionellen Jaschin. Dessen politischer Mentor war der im vergangenen Februar erschossene Boris Nemzow. Alle Spuren führen die Ermittler nach Tschetschenien.

Das Oberhaupt der Republik habe schon mehrmals seine Missachtung der russischen Gesetze demonstriert, schrieben namhafte Menschenrechtsverteidiger am Dienstag in einer Erklärung, unter ihnen die 88-jährige Vorsitzende der Moskauer Helsinki-Gruppe, Ljudmila Alexejewa. Unter Kadyrows Herrschaft hätten seine Sicherheitsorgane "Dutzende Bewohner entführt und spurlos verschwinden lassen".

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Niemand habe das Recht, willkürlich gegen Oppositionelle vorzugehen, erinnerte die Beauftragte für Menschenrechte der Russischen Föderation, Ella Pamfilowa. Und schob gleich nach, sie werde sich für ihre Kritik nicht entschuldigen.

Er verstehe gar nicht, wo das Problem sei, bemerkte dagegen Wladimir Warfolomejew, Vize-Chefredakteur des vom "Lord" kritisierten Radios Echo Moskaus: "Kadyrow ist doch nicht Russlands Schande, sondern sein wahres Wesen."