Rücktritt von Klaus Wowereit Mit ihm ist's schöner

Klaus Wowereit (SPD) erklärt im Roten Rathaus in Berlin seinen Rücktritt vom Amt des Regierenden Bürgermeisters.

(Foto: dpa)

13 Jahre an der Spitze der Stadt Berlin, das geht nicht ohne Fehler. Aber Klaus Wowereit war das Beste, was der Hauptstadt passieren konnte. Fünf Gründe, warum Wowereit fehlen wird. Trotz Flughafen-Pleite.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Kein Wunder, dass ihn die Berliner inzwischen satt haben. Seine beiden letzten Jahre im Amt waren nicht die besten. Der Pannen-Flughafen Berlin-Brandenburg, die Steuersünden seines Staatssekretärs André Schmitz, ständige Probleme mit der S-Bahn. Und für alles ist Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) verantwortlich. Seine Umfragewerte sind in den Keller gesackt. Seit Monaten wurde selbst in seiner Partei offen darüber spekuliert, wann - und nicht ob - er zurücktreten würde.

Jetzt hat er es getan. Zum 11. Dezember will er sein Amt abgeben. Dann soll ein anderer den Job übernehmen. Die Berliner werden sich noch umgucken. Schöner als mit Wowereit wird es so schnell nicht wieder werden. Fünf Gründe, warum schon bald alle ihren Wowi vermissen werden:

Wowereit, der echte Berliner

Jeder Berliner Busfahrer kann sich in Klaus Wowereit wiederfinden. Seine Kodderschnauze, seine hemmungslose Wurstigkeit und zugleich seine grenzenlose Freundlichkeit, wenn es darum geht, älteren Damen das Kaffee-Kränzchen mit seiner Anwesenheit zu versüßen. Wowereit hat Berlin nicht erst verstehen müssen. Wowereit ist Berlin. Geboren, aufgewachsen und einfach wohnen geblieben im tiefsten Süden der Stadt, in Lichtenrade.

Einfache Verhältnisse waren das. Seine Mutter war eine Witwe mit Minigehalt. Und vier Mäuler zu stopfen. Wowereit hat sich sein Leben, seinen Aufstieg hart erkämpft. Jura studiert, in der Partei, seiner SPD, Karriere gemacht. Ein Arbeiterkind und schwul dazu. Keiner von diesen West-Berlin-Ku'damm-Schnöseln. Bis hin zum Regierenden Bürgermeister hat er es gebracht. Mehr geht in dieser seiner Stadt nicht.

Wowereit liebt Berlin. "Mit all seinen Widersprüchen", wie er am Tag seines Rücktritts sagt. Heute lebt er mit seinem Mann Jörn Kubicki in einer Eigentumswohnung in Berlin-Wilmersdorf. Mitten in der Stadt. Ganz normal eben.

Wowereit, der Sanierer

Als er 2001 anfing, lag Berlin am Boden. Einen Schuldenberg von mehr als 60 Milliarden Euro hatte ihm sein Vorgänger Eberhard Diepgen hinterlassen. Dazu kam der Wegfall der Berlin-Hilfen. Noch schlimmer war: Alle waren verunsichert. Investoren, Unternehmer, Bürger.

Wowereit hat gespart, dass es quietscht. Hat Stellen gestrichen, Gehälter gekürzt, die Stadt auf den Sparkurs eingeschworen. Sein umstrittener Finanzsenator Thilo Sarrazin spielte schon damals den Bad Cop, zum Beispiel als er forderte, Sozialhilfeempfänger sollten sich eben einen Pullover überziehen, wenn ihnen der Winter in der Wohnung zu kalt sei.

West-Berlin war jahrzehntelang vom Westen gepäppelt worden. Damit war nach der Wende Schluss. Erst Wowereit hat das Denken in den Köpfen verändert. "Arm aber sexy" ist besser als fett, faul und verschuldet. Einfach weiter so? Nicht mit Wowereit. Die Schulden sind nicht weg. Aber der Berg ist unter Wowereit kaum gewachsen.

Wowereit, der Ost-West-Makler

In Berlin ist die Mitte Osten, aber so Westen wie der Westen nie war. So ist Berlin heute. Ossis und Wessis gibt es zwar noch, aber das Thema ist nicht mehr bestimmend. Wowereit hat die Stadt geeint. Er hat die damalige PDS 2001 in die Regierung geholt. Was gut war für den Seelenfrieden der Stadt, Gregor Gysi wurde damals Minister für Wirtschaft und Frauen. Was lustig war. Und von kurzer Dauer. Von der Linken aber hat sich Wowereit erst verabschiedet, als es rechnerisch nicht mehr ging.

Er hat keinen Stadtteil bevorzugt und keinen benachteiligt. Osten und Westen waren für ihn gleich. Das brachte ihm Respekt. Es wächst zusammen, was zusammengehört: Das hat sich Willy Brandt gewünscht. Und das hat Wowereit gelebt.

Wowereit, der Spaßmaster

Wohl kaum etwas hat das Bild Berlins im Ausland so geprägt wie der Party-Löwe Wowereit. Keine Fashion Week, kein Gala-Abend, kein Ball, auf dem er nicht gerne länger geblieben ist. Er hat gefeiert, wenn es was zu feiern gab. Die Kritik daran hat ihn nicht aus der Ruhe gebracht. Solange er seinen Job gut machte, haben ihn die Berliner dafür geliebt. Er brachte Glamour und Sexiness über die Stadt.

Kann oder will sich noch jemand an Eberhard Diepgen erinnern? Der brachte Piefigkeit und Biederkeit über die Stadt. Wowereit wurde zum Standortvorteil für Berlin. Er weckte Interesse. Aus einer Stadt, die an der Last ihrer Vergangenheit manchmal zu ersticken drohte, machte Wowereit eine Partyzone, ohne die Abgründe zu verleugnen.

Wowereit, der Stratege

Am Ende hat er es genau so gemacht, wie er es wollte: Ein Rücktritt zu einem selbstgewählten Zeitpunkt. Ohne erkennbaren Druck von außen. Viele haben versucht, ihn in den vergangenen Jahren vom Hof zu jagen. Damit er Platz machen möge für einen jüngeren Nachfolger. Sie hatten sich verschätzt. Alle. Wowereit lässt sich nicht so leicht vom Hof jagen. Das hat er bewiesen.

Aber er hat auch bewiesen, dass er erkannt hat, wann es genug ist. Er war 13 Jahre im Amt. Er ist nicht kleben geblieben bis zum bitteren Ende. So wie Helmut Kohl, der sich 1998 erst abwählen lassen musste, um zu begreifen, dass seine Zeit vorbei war. Wowereit ist klug genug, es so weit nicht kommen zu lassen. Seine Gegner hat er kleingehalten, weil er immer einen Tick besser informiert war als sie. Er kannte alle Vorlagen, alle Akten. Nur mit dem Flughafen Berlin-Brandenburg, da hat er sich verschätzt. Er versuchte, es wieder gut zu machen. Das war anständig. Dass es ihm nicht gelungen ist, lag am Ende kaum noch in seiner Macht.