Rückbau von Atomkraftwerken Angst vor den Ruinen des Atomzeitalters

Atomkraftwerk Gundremmingen: Nur ein Kühlturm dampft.

(Foto: dpa)
  • Viele Deutsche haben Angst vor den Resten abgeschalteter Atomkraftwerke - der Kehrseite des Atomausstiegs.
  • Deshalb bekämpfen nun Aktivisten, die früher gegen Atomkraftwerke protestiert haben, deren Abriss.
  • Insbesondere Stromkonzerne wollen den Abriss möglichst schnell hinter sich bringen, um die Verantwortung für den Müll loszuwerden.
Von Michael Bauchmüller und Thomas Hahn

Es wird gleich ungemütlich werden beim Griechen in Großenaspe. 3000 Einwohner zählt die schleswig-holsteinische Gemeinde, 350 von ihnen sind an diesem Juliabend in den großen Saal der Gaststätte gekommen. Das Thema bringt die Bürger auf die Beine: der Schutt von Atomkraftwerken. Vorne sitzen der Energiewendeminister Robert Habeck von den Grünen und Strahlenschutz-Fachleute des Landes. Ihr Ziel: Den Bürgern erklären, dass beim Rückbau der schleswig-holsteinischen AKWs viel Schutt anfällt - der aber großteils so wenig radioaktiv ist, dass er sich von normalem Schutt nicht unterscheidet. Deshalb soll er auf eine Mülldeponie. Zum Beispiel auf die in Großenaspe.

Viele Bürger aber haben Angst vor dem Müll vom AKW. "Er verharmlost das doch alles", ruft einer. Es gibt empörte Widerreden, Gegenvorschläge, Appelle. Und nach drei Stunden bewegter Debatte kommt dann noch eine Dame von der örtlichen CDU und überreicht unter Applaus 1600 Unterschriften gegen den Schutt. Minister Habeck lächelt müde. Wie soll er die Leute noch davon überzeugen, dass die Trümmer abgeschalteter Atomkraftwerke nicht gefährlicher sind als anderer Schutt?

275 000 Tonnen Schutt, Schrott und Atommüll stecken allein im AKW Obrigheim

Das Problem mit dem Schutt ist die Kehrseite des Atomausstiegs. In Obrigheim etwa, einer Gemeinde zwischen Heilbronn und Heidelberg, arbeitet der Energiekonzern EnBW seit Jahren am Rückbau eines Atomkraftwerks. 2005 wurde es stillgelegt, mittlerweile sind 300 Leute damit beschäftigt, dort, wo einst das Kraftwerk stand, eine "grüne Wiese" zu schaffen. Die ersten Fuhren Bauschutt ließen sich noch auf einer Deponie unterbringen. Danach aber ging nichts mehr. Seither lagern die Trümmer der Atomkraft auf dem Kraftwerksgelände. 275 000 Tonnen Schutt, Schrott und Atommüll stecken allein in Obrigheim.

Doch nur ein Prozent davon gilt als radioaktiv verstrahlt, müsste also in ein Endlager. Ein weiteres Prozent darf als konventioneller Schutt auf Deponien, wenn die Strahlung unter bestimmten Grenzwerten bleibt. "Freimessen" nennen das die Experten. Der Rest wird zu Schotter und ähnlichem zerhäckselt. Trotzdem steht der gesamte Schutt bei vielen unter Strahlenverdacht. "Irgendwie ist dieser Müll mit einem Makel behaftet", sagt ein Bürger in Großenaspe. Und in Obrigheim, heißt es aus dem EnBW-Konzern, drehe sich die Angelegenheit "um den Absender".

Die "Freimessung" sei ein Wort, um Menschen zu beruhigen

Das Misstrauen gegen diesen "Absender", Politik und Behörden, ist seit Jahren gewachsen und wurde bei Umweltgruppen und Grünen gut gepflegt. "Wir haben ja selbst immer gesagt, misstraut dem Staat", sagt Robert Habeck. Für den Atomausstieg hat dies nun paradoxe Folgen: Leute, die früher gegen Atomkraftwerke protestiert haben, bekämpfen nun deren Abriss - aus Angst vor neuer Strahlung.

In Grafenrheinfeld bei Schweinfurt wurde vor einem Jahr ein Atomkraftwerk stillgelegt, seither bereitet der Betreiber Eon den Abriss vor - gegen erbitterten Widerstand. "Mit dem Abrissverfahren sind wir nicht einverstanden", sagt Herbert Barthel, der sich für den Umweltverband Bund Naturschutz mit dem Grafenrheinfelder Ausstieg befasst. Einer der größten Vorbehalte: der Schutt aus dem Atomkraftwerk.

Denn die Naturschützer finden auch solche Strahlung gefährlich, die die Behörden für vernachlässigbar halten. "Wir können nicht akzeptieren, dass dieser Müll dann in die Gesellschaft entlassen wird." Die "Freimessung", das sei zunächst mal ein geschicktes Wort, um Menschen zu beruhigen. "Wenn ein Rohr diese Freimessung besteht, taucht es irgendwann später als Treppengeländer wieder auf", sagt Barthel. "Aber Radioaktivität kann es immer noch enthalten."