Rote Khmer in Kambodscha Anklage Völkermord

Khieu Samphan hatte von 1976 an die Rolle des Staatsoberhauptes des "Demokratischen Kampuchea" übernommen. Seit November 2011 muss er sich vor Gericht verantworten.

(Foto: dpa)

In Phnom Penh hat ein neuer Prozess gegen die beiden ranghöchsten noch lebenden Anführer der Roten Khmer begonnen. An die Massenverbrechen wollen sie sich nicht mehr recht erinnern - dabei werden ihnen noch weitere Gräueltaten vorgeworfen.

Von Ronen Steinke

Die zwei ranghöchsten noch lebenden Vertreter des Schreckensregimes der Roten Khmer müssen sich seit Mittwoch wegen neuer strafrechtlicher Vorwürfe verantworten. Das von den Vereinten Nationen (UN) unterstützte Sondertribunal in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh hat einen neuen Prozess gegen die beiden eröffnet, der zu einem bereits laufenden Prozess gegen sie hinzukommt.

Die umfangreiche Anklage wurde in zwei getrennte, kleinere Verfahren aufgeteilt, weil die Juristen so verhindern wollen, dass die hochbetagten Angeklagten sterben, bevor ein Urteil gegen sie ergehen kann. Nun steht im ersten Prozess das Urteil unmittelbar bevor. So wagen die Juristen es, den zweiten zu beginnen.

Der heute 88 Jahre alte Nuon Chea firmierte in den Jahren der Rote-Khmer-Herrschaft als "Bruder Nummer zwei" - an der Seite des damaligen maoistischen Diktators Saloth Sar, Kampfname Pol Pot ("Bruder Nummer eins"). Zum Gerichtstermin am Mittwoch erschien er aus gesundheitlichen Gründen nicht. Sein Mitangeklagter dort ist der 83-jährige Khieu Samphan. Er diente dem Regime seinerzeit als Vertreter auf dem internationalen Parkett. Samphan hatte von 1976 an die Rolle des Staatsoberhaupts übernommen, die bis dahin stets von Kambodschas Monarchen ausgefüllt worden war. Während ihr Anführer Pol Pot bereits 1998 starb - als freier Mann, der nie bestraft wurde, obwohl sein Regime in nur vier Jahren (1975-79) etwa zwei Millionen Landsleute umgebracht hatte -, stehen die beiden Kader seit November 2011 vor dem Tribunal. Die Anklage lautet in erster Linie auf Völkermord.

Angeklagte reden sich mit Erinnerungslücken heraus

Konkret ging es bisher vor allem um die Massenverbrechen im Zuge der Zwangsevakuierung von Phnom Penh im September 1975. Die Ideologen der Roten Khmer hatten damals das Ziel ausgegeben, alle Großstädter zu Bauern umzuerziehen - die Vertreibung von Hunderttausenden aufs Land hinaus verlief erbarmungslos und blutig. Vor Gericht haben sich Nuon Chea und Khieu Samphan seit 2011 weitgehend auf Erinnerungslücken herausgeredet. Im ersten Prozess gegen sie wird das Urteil für den 7. August erwartet.

Im zweiten Prozess verlas Richter Nil Nonn am Mittwoch die Anklage. Die beiden Ex-Kader sollen sich nun auch für Massenmorde an nationalen Minderheiten verantworten, an den Cham und Vietnamesen. Zudem soll der Terror mithilfe sogenannter Sicherheitszentren Thema sein. In diesen Folterlagern hatten die Roten Khmer echte und vermeintliche Regimegegner festgehalten - oder Menschen, die ihnen zu gebildet erschienen. Der Leiter des bekanntesten Lagers, S-21, Kaing Guek Eav - Kampfname Duch -, ist bereits im Februar 2012 von der Berufungskammer zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Duch und die beiden nun angeklagten Ex-Kader sind die einzigen drei Personen, auf die sich heute alle juristischen Anstrengungen fokussieren. Ursprünglich hatte das 2003 gegründete Tribunal fünf Personen anklagen wollen. Doch eine verstarb, eine wurde dement. Die UN würden die Liste der Angeklagten gerne noch verlängern. Doch die heutige kambodschanische Regierung unter der Führung des ehemaligen Rote-Khmer-Abtrünnigen Hun Sen blockiert dies aber.