Richter Manfred Götzl im NSU-Prozess Herr des Verfahrens

Die langen Querelen um die Zulassung der Journalisten sind fast schon vergessen. Richter Manfred Götzl hat es in kurzer Zeit geschafft, den NSU-Prozess voranzutreiben. In einem Punkt aber versagt der erfahrene Jurist.

Ein Kommentar von Tanjev Schultz

Wie es sich gehört, erheben sich die Zuschauer, Anwälte und Angeklagten im NSU-Prozess, wenn die Richter den Saal betreten. Das wiederholt sich mehrmals am Tag, weil es immer wieder Pausen und Unterbrechungen gibt. Das Ritual ist ein Zeichen des Respekts vor dem Gericht, und eine gewisse Ehrfurcht zu üben, kann in diesem monströsen Prozess wirklich nicht schaden.

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl zeigt oft seine forsche, manchmal aber auch seine sensible Seite. Beides ist notwendig. Der Richter braucht Fingerspitzengefühl, um Autorität auszustrahlen, ohne autoritär zu sein. Das gelingt Götzl bisher ganz gut, auch wenn er manchmal einen Verteidiger oder Nebenklage-Vertreter anblafft und ihm ruppig klarmacht, wer der Chef im Saal ist. Es ist durchaus im Interesse aller Beteiligten, dass Götzl interveniert, wenn eine Frage unpassend ist oder schon längst gestellt wurde. Denn bei 50 bis 60 Anwälten allein auf Seite der Nebenkläger ziehen sich die Befragungen wichtiger Zeugen selbst dann in die Länge, wenn jeder ohne Umschweife zum Punkt kommt.

Die langen Querelen vor Prozessbeginn rund um die Zulassung der Journalisten sind fast schon vergessen. Jetzt geht es um die Sache, um zehn Morde, um mindestens zwei Bombenanschläge, schwere Brandstiftung und 15 Raubüberfälle. In dieser Woche holte das Gericht die blutige Wirklichkeit in den Saal. Die Beweisaufnahme begann mit Fotos von einem der Mordopfer. Die Bilder der blutverschmierten Leiche haben nicht nur die Angehörigen überfordert. Beate Zschäpe schaute lieber weg.

Zynische Kommentare

In den Wochen zuvor hatte der Mitangeklagte Carsten S. geschildert, wie er dem NSU die Tatwaffe besorgt hatte. Nun wurde ihm vorgeführt, wie sie zum Einsatz kam. Richter Götzl lässt ziemlich unvermittelt, als eine Zeugin noch nicht da ist, auch noch die NSU-Bekennervideos abspielen. Die zynischen Kommentare, mit denen die Terroristen die Bilder ihrer Opfer unterlegten, erfüllen den Saal. Anschließend herrscht beklommene Stille. Götzl verzieht kaum eine Miene, aber man darf vermuten, dass er genau wusste, was er tat.

Am vergangenen Mittwoch berichtet ein Kriminalbeamter anhand von Fotos und Skizzen, wie sich der Brand in der Wohnung des Neonazi-Trios in Zwickau entwickelte. Für Zschäpe, die dort wohnte und nach dem Tod ihrer Freunde den Brand gelegt haben soll, dürfte auch das kein einfacher Tag gewesen sein.

Die richtige Aussprache

Richter Götzl hat es, entgegen vielen Befürchtungen, in kurzer Zeit geschafft, den Prozess voranzutreiben. In einem Punkt aber versagt er wie die meisten Beamten: bei der Aussprache der türkischen Namen. Die meisten NSU-Opfer und ihre Angehörigen haben türkische Wurzeln, im Gericht sitzen türkische Anwälte und Journalisten. Wäre es denn zu viel verlangt, wenn Götzl wenigstens den Versuch unternähme, ihre Namen halbwegs korrekt vorzutragen? Von einem Richter, der andere ermahnt, wenn er sie bei Unzulänglichkeiten ertappt, kann man das erwarten. Vor allem: Es wäre ein Zeichen des Respekts vor den Opfern, ihren Familien und vor allen Türken, die diesen Prozess mit besonderem Interesse und Schaudern verfolgen.

Jahrelang hatte die Polizei die Opferfamilien mit falschen Verdächtigungen überzogen. Und bis heute verunstalten Ermittler die Namen dieser Familien. Das setzt der Vorsitzende Richter nun fort. In dieser Woche ging es vor Gericht um den in Nürnberg ermordeten Schneider Abdurrahim Özüdoğru. Der Name sieht komplizierter aus, als er ist. Özüdoğru spricht man so aus: "Ösüdohru". Wenn Richter Götzl den Namen nennt, sagt er: "Özüdokru".

Es gehört sich, aufzustehen, wenn der Richter den Saal betritt. Vielleicht steht aber auch mal jemand auf und korrigiert Götzls Aussprache.