Rechtsextremismus in Ostdeutschland Der Widerstand wächst

Ostdeutschland gilt immer noch als Hort der Neonazis. Doch längst wehren sich dort die Bürger gegen die Extremisten. Selbst NPD-Größen müssen damit rechnen, dass sich ihren Auftritten und Aufmärschen mehr Bürger entgegenstellen, als eigene Anhänger kommen.

Von Jan Bielicki

Sie kamen aus dem Osten. Die Plattenbauten der Jenaer Stadtteile Winzerla und Lobeda sind noch immer sichtbar ein Erbe der untergegangenen DDR. Hier sind Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos aufgewachsen, hier sind sie Neonazis geworden, und ganz in der Nähe sollen sie ihre ersten Bomben gebaut haben.

Auch als sie untertauchten, blieben sie im Osten, lebten unentdeckt in Chemnitz und in Zwickau - bis Böhnhardt und Mundlos am 4. November des vergangenen Jahres ihrem Leben in einem Wohnmobil in Eisenach ein Ende setzten. Getötet hat die Terrorzelle des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) vor allem im Westen: Zu neun ihrer zehn Morde reisten die Täter nach Nürnberg, München, Hamburg, Dortmund, Kassel und Heilbronn.

Dass für die lange rätselhafte Mordserie Neonazis aus dem Osten verantwortlich waren, hat die Behörden völlig überrascht. Dabei passte das Trio aus Jena nur zu gut ins gängige Bild von der braunen Gewalt in Deutschland. Wo sollte sich eine rechtsextreme Terrorgruppe sonst bilden, wenn nicht im Osten Deutschlands? Dort, wo der Rechtsextremismus bundesweit am tiefsten verwurzelt ist?

Jeder dritte Rechtsextreme kommt aus den fünf neuen Ländern

Dafür jedenfalls sprechen auch im Jahr 22 nach der Wiedervereinigung fast alle Zahlen, Daten und Wahlergebnisse: Jeden dritten deutschen Rechtsextremisten zählen die Verfassungsschützer in den fünf neuen Ländern, in denen nur ein Sechstel der Einwohner Deutschlands lebt.

Auch zu rechtsextremen Gewalttaten kam es 2011 laut Bundeskriminalamt in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen im Einwohnerschnitt mehr als doppelt so häufig als etwa in Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen und gar zehnmal so oft wie in Baden-Württemberg. Und nur in den Ost-Ländern Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen sitzen Abgeordnete der rechtsextremen NPD in den Landtagen.

Bei örtlichen NPD-Wahlergebnissen von bis zu 20 Prozent sind die Neonazis, ihre Kameradschaften und Schlägertruppen in manchen Kleinstädten und ländlichen Gebieten der Lausitz, der Sächsischen Schweiz oder Vorpommerns ein Faktor, mit dem zu rechnen ist.

Hass-Botschafter aus dem Westen nutzten ihre Chance

Es wäre dennoch zu einfach, den Rechtsextremismus vor allem im Osten orten zu wollen. Der Rechtsextremismus war nie und ist heute weniger denn je allein ein Problem Ostdeutschlands. In den turbulenten und in vielen Gegenden der neuen Länder krisenhaft verlaufenden Jahren nach dem Fall der Mauer gab es im Osten viele, vor allem junge Leute, die für Hass-Botschaften anfällig waren - und im Westen gab es die Hass-Botschafter, die genau darin ihre Chance witterten.

"Traumhaft" nannte Michael Kühnen, damals wichtigste Leitfigur der neonazistischen Ultras Westdeutschlands, die Aufnahmebereitschaft für extremistisches Gedankengut, die das DDR-Regime mit seinen autoritären Erziehungsidealen in den Köpfen vor allem junger Männer hinterlassen hatte. West-Neonazis wie Kühnen zog es in den Neunzigern in den Osten. So hat die NPD zwar ihr größtes Wählerpotenzial im Osten, wird aber an der Spitze bis heute von Leuten aus dem Westen geprägt: Udo Pastörs etwa, Chef von Mecklenburg-Vorpommerns NPD-Landtagsfraktion, ist Rheinländer ebenso wie der langjährige Parteichef Udo Voigt.

Urlaubsfotos der NSU-Terroristen

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