Ratsvorsitzende der EKD: Margot Käßmann Die Päpstin

Rom verhandelt mit den Piusbrüdern, die Protestanten öffnen sich der Welt: Mit Margot Käßmann an der Spitze kann die evangelische Kirche neue Kraft gewinnen.

Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Der deutsche Protestantismus trägt nun das Gesicht einer Frau. Einer Frau, die sich durchgesetzt hat in der männlichen Welt der Kirchenleitungen, die vier Kinder hat, geschieden ist, offen über ihre Grenzen redet (wobei manchmal gerade jene, die so offen reden, ihren wahren Kern besonders gut verbergen). Margot Käßmann ist nun Päpstin, könnte man in Anlehnung an Sönke Wortmanns Kostümfilm sagen, doch sie hat eben nicht ihr Geschlecht verleugnen müssen, um in dieses hohe Amt zu gelangen. Die Synode hat sie bewusst und im Bewusstsein der Auswirkungen gewählt. Sie ist nicht die Päpstin, sie ist: die Protestantin. Deshalb ist dieser Mittwoch ein historischer Tag für die evangelische Kirche und für die Christen in Deutschland.

Das Wesen der evangelischen Kirche definiert sich nicht in den Unterschieden zu den Katholiken, diesmal aber ist der Vergleich unausweichlich. In Rom beginnt die katholische Kirche ihre Verhandlungen mit den Piusbrüdern, deren theologisches Programm der kämpferische Gegensatz zur Welt ist; die Atmosphäre soll freundlich sein, heißt es.

In Ulm öffnet sich die evangelische Kirche der Welt mit ihren Fragen und Brüchen, Suchbewegungen und Sehnsüchten. Natürlich gibt es genug Katholiken, die das tun. Aber eine Spitze mit Margot Käßmann, mit ihrem Vize Nikolaus Schneider, der erzählen kann, wie es ist, wenn eine Tochter stirbt, und der Synodenpräsidentin Kathrin Göring-Eckardt, die irgendwie Familie und Spitzenjob auf die Reihe kriegt - die gibt es in der katholischen Kirche nicht. Niemals zuvor zeigten sich die Unterschiede der Kirchen so sehr in den Biographien der Handelnden. Und weil Erfahrungen auch Einfluss darauf haben, wie einer von Gott redet, hat das theologische Konsequenzen, so wie Papst Benedikts Erfahrungen seine Theologie beeinflusst haben. Die Ökumene ist an diesem Mittwoch schwieriger geworden, aber auch spannender.

Die Öffnung zur Welt, das klingt gut, ist aber auch riskant. Die Kirchen müssen - vom Auftrag ihres Gründers Jesus her - widerständig zum Betrieb der Welt sein. Sie sollen gegen das allzu Gängige und Machbare das Störende und Verstörende des Gottesgeheimnisses setzen. Gerade die evangelische Kirche war dann am schwächsten, wenn sie als "Wir-auch-Kirche", wie schon Kurt Tucholsky spottete, dem Zeitgeist hinterherjapste, wenn sie sich selber säkularisierte und zur Werteagentur wurde. Das ist die größte Gefahr, der die neue Ratsvorsitzende ausgesetzt ist: dass aus dem Persönlichkeitsmerkmal die Masche wird. Bis heute leiden die Kirchen darunter, dass sie zu oft die Theologie zur enggeführten Moral abgewertet haben. Die Überwindung dieser Engführung durch die Wahl einer geschiedenen Ratsvorsitzenden ist gut, aber kein Ersatz für Theologie und kirchliches Handeln.

Kirche wird weiter Gläubige verlieren

Diese Balance wird Margot Käßmann halten müssen: für die Öffnung zur Welt zu stehen und doch widerständig gegenüber dieser Welt zu bleiben. Sie ist fromm, theologisch gebildet und politisch wach genug, um das zu schaffen, gegen alle Widerstände. Wenn es gelingt, wird das für den Reformprozess der evangelischen Kirche wichtiger sein als alle Debatten über Strukturen, Landeskirchengrenzen oder Kompetenzzentren.

Diese Kirche wird weiter Gläubige verlieren, sie wird in Nord- und Ostdeutschland mit einem Traditionsabbruch konfrontiert sein, den man sich heute nur schwer vorstellen kann. Sie wird institutionelle Macht verlieren, aber sie kann neue Kraft gewinnen, die weit über die Kirchengrenzen hinausgeht: indem sie sich den Suchenden und Sehnsüchtigen öffnet und selber zur Suchenden wird, indem sie den Gebrochenen und Zweiflern eine Heimat ist. Und indem sie Frauen und Männer tatsächlich gleich behandelt. So gesehen ist dieser Mittwoch nicht nur ein historischer Tag für die Christen in Deutschland, sondern auch ein guter Tag.