Prozess gegen Wikileaks-Informanten Vereinigte Staaten gegen Bradley Manning

Seine Enthüllungen brachten die USA in Bedrängnis, jetzt drohen ihm 20 Jahre Haft. Vor einem Militärgericht nahe Washington hat der Prozess gegen Wikileaks-Informant Bradley Manning begonnen. Präsident Obama ist von seiner Schuld überzeugt, doch der Angeklagte hat auch prominente Unterstützer.

Von Markus C. Schulte von Drach

Mehr als drei Jahre ist es her, dass US-Ermittler Bradley Manning festnahmen. An diesem Tag, dem 26. Mai 2010, tat der Soldat noch Dienst in der Forward Operating Base Hammer bei Bagdad. Jetzt hat vor einem Militärtribunal in Fort Meade bei Washington D.C. der Prozess gegen ihn begonnen.

Die wichtigsten Vorwürfe: Kollaboration mit dem Feind und Spionage. Manning gab mehr als 700.000 diplomatische Depeschen und geheime Dokumente weiter, die die amerikanische Außenpolitik und vor allem die Einsätze der US-Armee in Irak und Afghanistan betreffen. Sie gelangten dann über die Internetplattform Wikileaks an die Öffentlichkeit.

Für die Weitergabe der Informationen werden Manning insgesamt 22 Anklagepunkte zur Last gelegt. Ihm droht lebenslange Haft. "Manning kannte die Folgen seines Handelns und hat sie missachtet", sagte Militärstaatsanwalt Joe Morrow zum Prozessauftakt.

Für die Regierung in Washington und das Verteidigungsministerium war das Bekanntwerden der Informationen eine Katastrophe. Vor allem ein Video, das die Bordkamera eines US-Kampfhubschraubers 2007 über Bagdad aufgenommen hatte, löste weltweit Entsetzen aus. Darin ist zu sehen, wie der Helikopter das Feuer auf eine Gruppe von Menschen eröffnet. Bei dem Angriff starben zwei Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters und einige irakische Zivilisten, weitere Menschen wurden verletzt, darunter zwei Kinder. Während des Angriffs verhöhnten die US-Soldaten ihre Opfer.

"Grausam und unmenschlich"

Nachdem Manning sich dem bekannten amerikanischen Hacker und Journalisten Adrian Lamo anvertraut hatte, machte dieser das FBI auf den "Whistleblower" aufmerksam. Manning wurde verhaftet, saß in Isolationshaft im Gefängnis des Marine-Corps-Stützpunktes in Quantico, Virginia. Nach Protesten von Menschenrechtsgruppen verlegte das US-Militär ihn nach Fort Leavenworth, Kansas.

Seine Haftbedingungen beurteilte der UN-Sonderberichterstatter für Folter, Juan Mendez, im Jahr 2012 als grausam und unmenschlich. Egal, wie das Urteil gegen Manning ausfallen wird - 112 Tage Haft wurden ihm wegen der menschenunwürdigen Behandlung in Quantico bereits im Voraus erlassen.

Wie bereits vor dem Prozess gestand Manning am Montag eine Schuld in minder schweren Anklagepunkten ein: für den unerlaubten Besitz und die vorsätzliche Weitergabe von Geheimdokumenten. Alleine für diese Vergehen könnte der Soldat 20 Jahre ins Gefängnis geschickt werden. Den Vorwurf der Spionage und den Hauptvorwurf der Feindesunterstützung wies er jedoch zurück. Militärrichterin Denise Lind hatte Manning im Dezember 2012 angeboten, die Haft bei einem Schuldbekenntnis auf maximal 16 Jahre zu beschränken.

Die Verteidigung hielt Manning zugute, er habe die Informationen gesammelt, weil er meinte, diese müssten an die Öffentlichkeit gelangen. Zudem sei er damals erst 22 Jahre alt gewesen. "Er war jung, naiv, aber mit guten Absichten." Der Angeklagte verfolgte die Verhandlung auf dem Militärgelände von Fort Meade bei Washington ruhig und aufmerksam. Er trug seine Uniform

Manning selbst hatte sein Handeln vor dem Prozess mit Idealismus und seinem Gewissen gerechtfertigt: Er habe "die wahren Kosten des Krieges" zeigen wollen, von denen er als Nachrichtenanalyst erfahren hatte. Er wies er darauf hin, dass er gehofft hatte, eine Diskussion über die US-Außenpolitik anzustoßen.

Vor der Militärbasis protestierten bei Prozesseröffnung etwa 50 Demonstranten. Sie forderten "Freiheit für Manning" und "Die Wahrheit vor Gericht". Viele Menschen halten den Prozess insgesamt für falsch und das Verhalten Mannings für richtig. Schon am Wochenende fanden weltweit Demonstrationen von Friedensaktivisten und Kritikern der US-Politik statt, die Manning frei sehen wollen. Sie finden, er habe seine Freiheit riskiert, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Die Website Iam.BradleyManning.org hat ihn sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Besonderes Gewicht fällt Daniel Ellsberg zu, jenem ehemaligen Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums, der 1971 die sogenannten "Pentagon Papers" an die New York Times und die Washington Post übergeben hatte. Dabei handelte es sich um geheime Dokumente, die belegten, dass die US-Präsidenten die amerikanische Öffentlichkeit in Bezug auf den Vietnamkrieg gezielt getäuscht hatten. "I was Bradley Manning", betont Ellsberg heute und fordert dessen Freilassung.

Obama hat sich festgelegt

Während die Medien relativ wenig über die von Manning selbst angegebenen Motive berichtet haben, wird regelmäßig betont, dass der US-Soldat eine schwere Kindheit hatte. Auch seine geringe Größe wird häufig in den Vordergrund gestellt und der Eindruck erweckt, als handele es sich um eine körperliche Unzulänglichkeit.

Tatsächlich hat Manning als Kind und Jugendlicher unter den gleichen Problemen gelitten, wie Tausende andere US-Bürger. Er ist ein Scheidungskind: Die Eltern trennten sich, als Manning dreizehn war - der Vater war allerdings sowieso nur selten zu Hause gewesen. Mit seiner alkoholkranken britischen Mutter zog er nach Wales, wo er durch seine Fähigkeiten am Computer Aufmerksamkeit erregte - und angeblich wegen seiner Körpergröße, seines femininen Aussehens und seines Akzents wegen gehänselt wurde.

Als 17-Jähriger kehrte er zum Vater in die USA zurück. Nach einem Streit mit seiner Stiefmutter, bei der er diese angeblich mit einem Messer bedrohte, verließ er die Familie und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. 2007 trat er in die US-Armee ein, verschwieg jedoch seine Homosexualität, da es Schwulen im Militär zu dieser Zeit offiziell untersagt war, ihre sexuelle Orientierung preiszugeben.

Welche Rolle alle diese Faktoren für Manning gespielt haben mögen, lässt sich schwer sagen. Klar ist jedoch bereits jetzt, wie US-Präsident Barack Obama die Sache sieht: "Er hat das Gesetz gebrochen."