Prozess Anschlag der Unpolitischen

Der Angeklagte Sascha D. betritt den Verhandlungssaal im Landgericht in Hannover.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Zwei Männer und eine Frau werfen einen Molotowcocktail in eine Asyl-Unterkunft. Doch als Rechtsradikale möchten sie nicht gelten.

Von Annette Ramelsberger, Hannover

Es war der Alkohol, nichts als der Alkohol. Natürlich seien sie nicht ausländerfeindlich, auf keinen Fall. "Ich sehe mich nicht als Rechtsradikalen", sagt Dennis L., 31. Er habe doch einen armenischen Freund. "Ich bin mir sicher, dass ich mich nüchtern nicht an der Tat beteiligt hätte", betont er. Auch sein Kumpel Sascha D., 25, meint: "Ich habe grundsätzlich nichts gegen Ausländer." Auch er habe Ausländer als Freunde. Und Saskia B., 24, zweifache Mutter, sagt nur: "Ich bin unpolitisch. Ich wusste gar nicht, was ein Molotowcocktail ist."

Den Molotowcocktail aber haben die beiden Männer gebastelt, vor ihren Augen, ganz akkurat. Sie holten Sägespäne aus dem Keller, füllten sie in eine leere Flasche Branntwein, stopften mit einem Kugelschreiber nach und gossen Benzin und Öl darüber. Dann fuhren sie los, Saskia chauffierte die zwei Freunde, und Dennis L. warf den Brandsatz ins Kinderzimmer eines Hauses in dem Ort Salzhemmendorf bei Hameln. Dort wohnen Asylbewerber. Die drei stehen nun vor dem Landgericht Hannover, angeklagt des gemeinschaftlichen versuchten Mordes und der gemeinschaftlich begangenen Brandstiftung. Eine Tat, die "nach allgemeiner Anschauung verachtenswert und auf tiefster Stufe stehend ist", so sagt das Staatsanwältin Katharina Sprave.

Gerichtssaal Hannover. Die drei kommen herein, Dennis L. mit kurz rasiertem Haar und blütenweißem Hemd, Sascha D. mit sehr kurzem, gegeltem Haar, Saskia B. mit dunklem Pony und schwarz umrandeten Augen. Sie lassen ihre Verteidiger Erklärungen verlesen. Ja, sie gestehen, dass sie an dem Abend des 27. August 2015 zusammengesessen haben. Ja, Dennis und Sascha hätten den Molotowcocktail gebaut, Saskia habe sie nur gefahren. Und zuvor hatten sie Rechtsrock gehört. Die junge Frau erinnert sich, dass Dennis gesagt habe, dass er "einen Neger brennen sehen will". Aber rechtsradikal seien sie nicht. Dennis L. kann sich nicht erinnern, dass er so was gesagt haben könnte. Er hält das für ausgeschlossen. Sascha D. sagt, Dennis sei so dominant gewesen. Er habe ihn als Vorbild gesehen und zu ihm aufgesehen. Er sei nur Mitläufer.

Dann erscheint Margaret D., die Frau, die mit ihren drei kleinen Kindern in der Wohnung lebte, in die nachts um zwei Uhr der Molotowcocktail flog. Sie sitzt da sehr still, schüchtern, die dunklen Zöpfe zum Knoten geflochten. Eine Dolmetscherin übersetzt ihre Worte. Sie kommt aus Simbabwe. Seit November 2014 lebt sie in Salzhemmendorf. Ihre Stimme erstirbt fast. Ja, in dem Zimmer habe ihr elf Jahre alter Sohn Alvin geschlafen, fast immer, bis auf diesen Tag. An diesem Abend habe er seine Matratze genommen und sich in ihr Schlafzimmer gelegt, er wollte bei seiner Mutter sein und bei den kleinen Geschwistern, die sind fünf und acht.

Die Kinder im Haus haben immer noch Angst, sie spielen nicht mehr draußen

Man sieht nun die Fotos des Kinderzimmers: Hellblaue Vorhänge, eine zersplitterte Scheibe, eine Flasche, aus der ein Stück Stoff ragt: der Molotowcocktail. Die Flasche ist nicht zersprungen, sie ist unter das Bettgestell gerollt, hat eine große Brandstelle hinterlassen, alles ist verrußt. Man will sich nicht ausdenken, was geschehen wäre, wenn der kleine Alvin auf seiner Matratze dort gelegen hätte.

Margaret D. sieht die Bilder, sie weint, die Tränen rollen ihr über die Wangen. Sie bittet um eine kurze Pause. "Wie geht es Ihren Kindern?", fragt ein Vertreter der Nebenkläger später. "Wie sind sie damit umgegangen?" Margaret G. schluckt. "Die Kinder haben Angst, sie spielen nicht mehr draußen. Und die Kleine, sie ist im Kindergarten, sie sagt beim Beten immer: Gott, schütze uns vor Feuer."

Tanja Brettschneider, die Dennis L. verteidigt, fragt: "Sind Sie in der Lage, eine Entschuldigung von unserem Mandanten entgegenzunehmen?" Der Angeklagte Dennis L. blickt die Mutter von Alvin an. Sie schaut eindringlich zurück. Dann fragt sie: "Muss ich das beantworten?" Sie verlässt den Saal.

Ohne Alkohol, sagen Dennis L. und Sascha D. , hätten sie das Ganze nie gemacht. "Unter Alkohol ist mir alles egal, so als wenn ich meinen Kopf abschalten würde", lässt Sascha D. seinen Anwalt vortragen. Auch Dennis L. lässt sagen, er könne sich die Tat nur durch den Alkohol erklären. "Sonst hätte ich die Tat nicht begehen können und schon gar nicht wollen." Ihm seien die Folgen nicht klar gewesen.

Zwei Flaschen Weinbrand sollen die beiden Männer getrunken haben, dazu jeder sechs bis acht Bier. Allerdings ist diese Menge laut eines Zeugen aus dem Dorf "normaler Durchschnitt". Dennis L. sagt, er wollte niemanden verletzen oder töten. Sie seien eben zusammengesessen und hätten sich Gedanken gemacht, was "mit unserer Gesellschaft passiert" und was geschehe, wenn viele fremde Menschen in ihr Dorf kämen. "Vielleicht ist es die Angst vor der Entwicklung, die derzeit stattfindet."