Profil Nadia Sawtschenko

Ukrainische Pilotin, Heldin daheim, Häftling in Russland: Nadja Sawtschenko.

(Foto: Ivan Sekretarev/AP)

Ukrainische Kampfpilotin, Heldin daheim, Häftling in Russland.

Von Frank Nienhuysen

Ihre Handschrift liest sich flüssig; kaum ein Wort hat sie nachträglich eingefügt, nur eine Zeile unkenntlich gemacht. Was Nadja Sawtschenko da gepostet hat als Manuskript auf ihrer Facebook-Seite, könnte sie um Kopf um Kragen bringen. Andererseits - ist ihre Lage nicht ohnehin verzweifelt? Die in Russland inhaftierte ukrainische Kampfpilotin schreibt also: Russland sei ein Dritte-Welt-Staat, Präsident Wladimir Putin ein Tyrann, der Prozess unfair, sie sei unschuldig. An diesem Mittwoch geht vor einem russischen Gericht der Prozess gegen Sawtschenko mit dem Schlussplädoyer in die Entscheidung. Die Staatsanwaltschaft hat 23 Jahre Haft gefordert, Sawtschenko erklärt: "Russland wird mich ohnehin zurück in die Ukraine bringen - tot oder lebendig."

Geschwächt ist sie vom Hungerstreik, politisch macht sich dafür dieser Tage die halbe westliche Welt für sie stark: US-Außenminister John Kerry, die EU, eine Schriftstellergruppe um die weißrussische Friedensnobelpreis-Trägerin Swetlana Alexijewitsch, sie alle rufen Russland auf, die 34 Jahre alte Frau mit dem Kurzhaarschnitt sofort freizulassen. Ein Fall also, beladen mit politischer Symbolik. Russland hält Sawtschenko für eine Mörderin, die Ukraine hält sie für eine Märtyrerin, der Westen hält sie für ein Opfer in einem hybriden Krieg.

Der Vorwurf der Anklage: Sawtschenko soll zwei russische Reporter auf dem Gewissen haben, weil sie im Juni 2014 im Donbass der ukrainischen Armee vor einem Granatangriff entsprechende Koordinaten durchgegeben habe. Ihre Verteidiger, zu denen der russische Pussy-Riot-Anwalt Mark Fejgin gehört, wollen dagegen mit Handydaten beweisen, dass Sawtschenko zum Zeitpunkt des Angriffs bereits von prorussischen Separatisten verschleppt worden war.

Wie hartnäckig Nadja Sawtschenko sein kann, hat die ukrainische Armee einige Male erlebt. Gleich mehrere Anläufe machte sie, bis sie endlich die erste Pilotin beim Militär war. Sie war auch die einzige Frau, die als Soldatin für die Ukraine in den Irakkrieg zog. Nach der Krim-Annexion durch Russland wollte Sawtschenko an die Front, die Armee lehnte ab, sie ging für ein Freiwilligen-Bataillon. Bis sie schließlich in Russland landete. Nach Kiewer Darstellung wurde sie dorthin ausgeliefert, nach russischer Version lief sie freiwillig über die Grenze.

Schon die russischen Prozess-Statistiken machen Sawtschenkos Verurteilung extrem wahrscheinlich. Aber was dann? Wird sie ausgetauscht? Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat sie zur "Heldin der Ukraine" ernannt, in Abwesenheit wurde sie Parlamentsabgeordnete, all das würde eine Rückkehr für Kiew zum Triumph machen - und Moskau weiß das. Wie emotional der Fall auf beiden Seiten gesehen wird, zeigten die vergangenen Tage, als sich die Spannung schon einmal kurz entlud: Auf die russische Botschaft in Kiew flogen Steine, auf die ukrainische in Moskau Eier und Tomaten.