Profil Hao Jingfang

Science-Fiction-Autorin mit erstaunlich vielen Talenten: Hao Jingfang.

(Foto: oh)

Chinesische Science-Fiction-Autorin mit erstaunlich vielen Talenten.

Von Kai Strittmatter

Das Monstrum Peking zusammenfalten, alle 24 Stunden einmal, und austauschen gegen ein anderes Peking: was für eine Idee! Die besten Science-Fiction-Geschichten sind die, in denen die Menschen mit der Nase auf etwas gestoßen werden, was ihnen bislang gar nicht bewusst war: die Bedingungen ihrer Existenz, die Unzulänglichkeit der Welt um sie herum. Wenn die Menschen als Leser einen Schritt zurücktun von ihrer Rolle, von ihrem Leben, das sie gedankenlos abspulen. Wenn sie mit einem Mal im Zuschauerraum stehen - und die Bühne sehen als das, was sie ist: nicht von Gott gegeben, sondern von Menschen gezimmert. "Die Struktur der Welt, so unfair und ungerecht wie sie ist", sagt Hao Jingfang. "Die Perspektive wollte ich zeigen."

Deshalb schrieb sie die Novelle "Faltbares Peking". In drei Tagen nur, im Jahr 2012, da hatte sie ihren Abschluss in Physik schon lange in der Tasche. Und zum Doktor in Wirtschaftswissenschaften waren es nur mehr ein paar Monate. Beides an der Tsinghua-Universität, dort, wo Chinas Elite studiert. Die heute 32-jährige Hao Jingfang, geboren in Pekings Nachbarstadt Tianjin, ist eine Frau mit vielen Talenten. Dass das Schreiben dazu zählt, war spätestens seit dem Jahr 2002 klar, als sie ihren ersten Literaturpreis gewann. Die Peking-Universität reservierte ihr daraufhin einen der begehrten Plätze in ihrer Chinesisch-Fakultät, aber Hao winkte ab: Sie schrieb sich erst einmal für Physik ein. Das Genre Science-Fiction scheint die logische Vermählung solcher Talente zu sein.

Die internationale Anerkennung ist für chinesische Autoren eher noch etwas Neues. Und dann gleich einen so prominenten Mitbewerber wie Stephen King aus dem Rennen zu werfen, zu Hause staunen sie. Hao Jingfang hat soeben im amerikanischen Missouri in der Kategorie Erzählung den Hugo Award in Empfang genommen, den Preis für beste Science-Fiction-Literatur. Im letzten Jahr erst hatte zum ersten Mal ein Chinese gewonnen: Liu Cixin mit seiner Trilogie "Drei Sonnen". Science-Fiction hat Konjunktur in China, vielleicht kein Zufall in dieser Zeit, wo die Zensur wieder Zähne zeigt. Das Parabelhafte schenkt kleine Freiheiten.

Faltbares Peking. Drei Welten existieren hier nebeneinander: der Erste, der Zweite und der Dritte Raum. Eine unsichtbare und unnahbare, mächtige Elite. Eine bequem und gedankenlos lebende Mittelschicht. Und ein großes, zusammengepferchtes Proletariat von 50 Millionen Menschen; Arbeiter, die nur für acht Stunden des Nachts wach sein dürfen. Kontakt zwischen den einzelnen Räumen, die zu verschiedenen Tageszeiten entfaltet werden, gibt es nicht. Politische Rebellion auch nicht. Das sei ihr "ein zu großes Klischee", sagt Hao. So leben die Menschen in Haos Peking vor sich hin, leiden, hassen, lieben, und nehmen ihre Welt so, wie sie ist, schulterzuckend. So wie die Pekinger von heute. Einen aber packt der Schrecken: den Leser.