Profil Ennio Morricone

Legendärer Filmkomponist und unerreichter Meister der hypnotischen Melodien.

Von David Pfeifer

Als Ennio Morricone im vergangenen September die Arena von Verona mit 20 000 Zuhörern füllte, flossen Tränen, gleich zu Beginn des Konzerts, mittendrin und auch am Ende. Einerseits wegen der eindringlichen, berührenden Melodien. Andererseits, weil Morricone mittlerweile 88 Jahre alt ist, man kann sich also ausrechnen, dass Konzerte dieser Art nicht mehr allzu häufig zu hören sein werden. Wegen freier Platzwahl füllte sich die Arena früh, die Besucher tranken Wein aus Pappbechern, und als der Maestro schließlich begann, seine eigenen Stücke zu dirigieren, war das Publikum schon schwer gerührt.

Wenn derzeit also wieder Morricone in den deutschen Kinos erklingt, als Soundtrack zu "The Hateful Eight", dem neuen Film von Quentin Tarantino, dann hat das nicht nur eine romantische Komponente, weil da zwei Große zueinanderfinden. Sondern auch, weil Morricone mittlerweile nach einem Hollywood- und Cinecittà-Gefühl klingt, das noch von Geschichtenerzählern, und nicht von Superhelden und Fortsetzungen bestimmt wurde. Er klingt nach einer vergangenen Zeit.

Auch sonst ist der Mann ganz alte Schule: Er wurde 1928 im römischen Stadtteil Trastevere geboren und ist seit fast 60 Jahren mit der gleichen Frau verheiratet. Der Trompeter studierte am Konservatorium Santa Cecilia in Rom, seit den Fünfzigerjahren komponiert er Filmmusik.

Immer wieder wurde Morricone gebeten, seinen Wohnsitz nach Los Angeles zu verlegen, doch er gehört zu jener Gattung stolzer Römer, die ihr Leben nicht nur in dieser Stadt beginnen, sondern auch beenden möchten. Immerhin zog Morricone vor einigen Jahren aus Trastevere ans Forum Romanum - in den ehemaligen Palazzo von Sophia Loren. Der Meister beschreibt seine Tage so: Jeden Morgen um halb fünf Uhr steht er auf, macht einen Spaziergang in seiner Wohnung und ein bisschen Sport, um sich dann in einen Raum zurückzuziehen, in dem er komponiert. Seine Partituren schreibt er mit Bleistift auf Notenblätter, immer noch.

Es ist nicht so, dass Ennio Morricone nie schlechte Musik gemacht hat. So war beispielsweise der Soundtrack des Action-Films "Der Profi" (1981) mit Jean-Paul Belmondo bereits für damalige Begriffe eine ziemliche Zumutung. Morricone ließ sein Orchester zeittypisch elektronisch einspielen und mit Synthesizern und E-Drums unterlegen. Das hört sich heute an, als hätten Rondò Veneziano und Jean-Michel Jarre gemeinsam einen sehr schlechten Trip genommen. Doch "Chi Mai", das Titelthema, wurde trotzdem ein Hit, denn das Gefühl für die eine eindringliche Melodie, die sich sofort in die Hirnrinde bohrt, hat den Komponisten in 60 Jahren Filmmusik nie verlassen.

Die Pan-Flöten aus "Es war einmal in Amerika", der hell kreischende Gesang für "Zwei glorreiche Halunken" und natürlich die Mundharmonika aus "Spiel mir das Lied vom Tod" - wer eine Morricone-Melodie hört, verbindet sie üblicherweise mit Bildern. Und die meisten Regisseure wissen, dass Morricone ihre Bilder auf diese Weise davor schützt, in Vergessenheit zu geraten.

Nun konnte sich der große Filmgelehrte und Fan Quentin Tarantino einen Traum erfüllen, indem er "The Hateful Eight" mit der Musik des Meisters unterlegen durfte. Ein Teil der Kompositionen freilich stammt aus den Zeiten von "Der Profi", sie waren von Morricone ursprünglich für John Carpenters Film "Das Ding aus einer anderen Welt" von 1982 geschrieben worden. Das hört man: Manchmal klingen sie arg nach Vergangenem, aber die typische hypnotische Kraft haben sie immer noch. Sie veredeln nun den späten Edelwestern, den Tarantino gleich auf 70 Millimeter Ultra Panavision gedreht hat - wie um ein großes, untergegangenes Hollywood zu feiern, in dem die Gigantomanie noch nicht in Spezialeffekten ausgelebt wurde, sondern in Kulissen, Kostümen, Drehorten. Und in eindringlicher Musik.