Profil Abed Schokry

(Foto: Privat)

Verfasser eines offenen Briefs aus Gaza, der sich in Deutschland rasant verbreitet.

Von Alexandra Föderl-Schmid

"Ich bin verzweifelt und ich bin auch wütend." Mit diesem Satz beginnt Abed Schokrys offener Brief aus Gaza, der sich in den vergangenen Tagen rasant in Deutschland verbreitet hat. Der Palästinenser schildert darin seine Sicht auf die Proteste, die seit fünf Wochen vor allem freitags Menschen im Gazastreifen in Richtung Grenze treiben. Er beschreibt diese Bewegung als Marsch "verzweifelter Menschen" und als "Aufbegehren der Bewohner in diesem abgeriegelten Küstenstreifen". Er übt Kritik - auch an der Berichterstattung deutscher Medien über die Demonstrationen im Gazastreifen: "Die Weltpresse, ganz besonders auch in Deutschland beschuldigt die Hamas, die Proteste initiiert und gesteuert zu haben."

Der Brief ist in fehlerfreiem Deutsch geschrieben. Der Verfasser reagiert prompt auf eine E-Mail mit der Bitte um ein Treffen und schlägt ein Café in Gaza-Stadt vor. "Typisch deutsch", sagt er breit grinsend, als er in Anzug und Krawatte zum Termin erscheint. Auf die Frage, woher er so gut Deutsch könne, sprudelt der 46-Jährige los. Einiges habe er schon in Gaza bei einer damaligen Mitarbeiterin des deutschen Vertretungsbüros gelernt, ehe er 1990 in eine Sprachschule in Freiburg im Breisgau kam. Anschließend machte Schokry das deutsche Abitur im Studienkolleg Mainz nach.

Schon während seines Maschinenbaustudiums an der Technischen Universität Darmstadt ab 1992 begann er sich als Vertreter der ausländischen Studierenden in der Studentenvertretung zu engagieren. "Da begann auch meine politische Karriere." Nach einer Pause fügt er hinzu: "Als Palästinenser." Wo immer er hinkam, sei er nach der Situation in seiner Heimat gefragt worden. Der Muslim begann, sich am interreligiösen Dialog mit Christen und Juden zu beteiligen. Das Studium schloss er dann im Bereich biomedizinische Technik an der Technischen Universität Berlin ab mit einer Dissertation, in der er die Ausstattung von Rettungswagen in den palästinensischen Gebieten mit der in Jordanien und Deutschland verglich.

Ab 2002 lebte dann auch seine Frau mit ihm in Deutschland, sie promovierte ebenfalls auf Deutsch in Pharmazie, die zweitälteste Tochter kam in Berlin zur Welt. Trotzdem wollte die Familie "nach Hause", wie er betont. An jenem Tag 2007, als die letzten europäischen Beobachter den palästinensischen Grenzposten Rafah an der Grenze zu Ägypten verließen, kehrten sie zurück. "Ich bin der Älteste einer Familie mit 14 Kindern. Als Erstgeborener ist es meine Pflicht heimzukehren. Ich habe auch eine Vorbildfunktion." Seine eigenen Kinder - drei Töchter und ein Sohn - sind zwischen fünfeinhalb und 15 Jahren alt. Schokry lehrt inzwischen an einer Universität in Gaza im Bereich Ingenieurwissenschaften.

Sein Kontakt nach Deutschland ist allerdings nie abgerissen, seit 2007 schreibt er offene Briefe und stellt darin den anonymen Empfängern Fragen wie diese: ob sie sich vorstellen könnten, mit nur vier Stunden Strom pro Tag zu leben, kein sauberes Wasser zu haben und nur die Hälfte ihres Gehalts überwiesen zu bekommen. "Wir leben eingezäunt wie 'wilde Tiere' unter menschenunwürdigen Bedingungen."

Schokry ist kein Aktivist und hat in den vergangenen Wochen nicht an den Protesten teilgenommen. Aber er hält sie für wichtig, "das ist ein Aufschrei, ein Signal an die Welt". Zum ersten Mal seit Jahren seien bei Demonstrationen nur palästinensische Flaggen zu sehen - keine schwarzen Flaggen des "Islamischen Dschihad", keine grünen von der Hamas. "Die Hamas ist natürlich nicht blöd und sagt, das ist eine gute Chance für uns. Sie laufen da mit", räumt er aber ein. Seit drei Jahren versucht er, von israelischen Behörden eine Genehmigung zu bekommen, um Gaza wieder einmal verlassen zu dürfen. In Deutschland aß er gerne Fisch; Gaza liegt zwar an der Küste, aber das Meer ist durch Abwässer verunreinigt.