Präsident Mugabe unter Arrest In Simbabwe eskaliert ein lang schwelender Konflikt

  • Das Militär in Simbabwe hat die Kontrolle übernommen, Präsident Robert Mugabe gehe es gut.
  • Mugabe war es in den vergangenen Jahren immer wieder gelungen Proteste niederzuschlagen, auch mithilfe der Armee.
  • Doch die Armee hat sich nun gegen ihn gestellt, offenbar weil Mugabe seinen Vizepräsident entließ, der jedoch unter Militärangehörigen sehr geschätzt wurde.
Von Tobias Zick

Die Abnutzungserscheinungen waren zuletzt immer deutlicher zutage getreten. Schon 2015 verlas Präsident Robert Mugabe versehentlich zweimal hintereinander dieselbe Rede im Parlament von Simbabwe. Kurz danach reiste er zum Indien-Afrika-Gipfel nach Delhi und geriet auf dem Podium derart ins Torkeln, dass ihn der indische Premier Narendra Modi durch beherztes Zupacken vor dem Zusammenbruch bewahren musste.

Allein in diesem Jahr ist Mugabe Berichten zufolge dreimal nach Singapur geflogen, um sich in einer gut ausgestatteten Klinik behandeln zu lassen (so klar ist sein Verstand dann doch noch, dass er sich um Himmels Willen nicht in eine Klinik im eigenen Land begibt). Bei öffentlichen Auftritten schlief er zuletzt öfters ein. Es ließ sich einfach nicht mehr leugnen: Robert Mugabe, 93, wird allmählich alt.

Präsident Mugabe steht unter Hausarrest

Das sagte der Langzeitpräsident Simbabwes dem südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma in einem Telefongespräch. mehr ...

Die Armee kam einem Schreckensszenario zuvor

Einen Grund, ans Aufhören zu denken, sah er darin allerdings nicht. Wie selbstverständlich ließ er sich von seiner Partei Zanu-PF schon Ende des vergangenen Jahres als Kandidat für die nächste Präsidentschaftswahl 2018 nominieren. Beim selben Parteitag schlug die Jugendorganisation der Partei vor, Mugabe der Einfachheit halber gleich zum Präsidenten auf Lebenszeit zu ernennen. Dann hätte man sich den Wahlzirkus sparen können, der jedes Mal das Land in Unruhe versetzt.

Ein paar Wochen vor der Veranstaltung, im August 2016, waren in der Hauptstadt Harare Tausende Demonstranten aufmarschiert, um gegen das bankrotte Regime zu demonstrieren. Es waren die schwersten Proteste seit zwei Jahrzehnten, die Polizei zerschlug sie mit Wasserwerfen und Tränengas. "Die Leute denken offenbar, was im Arabischen Frühling geschehen ist, wird nun auch in diesem Land geschehen", wetterte der Präsident im Staatsfernsehen, "doch ich sagen ihnen: Das wird nicht passieren."

Der Anführer der Proteste, ein Pastor, floh wenig später ins Exil, es wurde wieder leiser auf den Straßen, und für viele Simbabwer schien umso klarer zu sein: Robert Mugabe, seit 1980 an der Macht, wird ihnen bis zu seinem Tod als Präsident erhalten bleiben. Doch was, wenn er stirbt? Selbst seine Gegner trieb diese Frage um: Rutscht das Land dann in einen Bürgerkrieg, befeuert von denen, die sich um Mugabes Nachfolge streiten?

Diesem Schreckensszenario ist die Armeeführung jetzt zuvorgekommen. In der Nacht zum Mittwoch hallten Schüsse durch Harare, Panzer rollten ins Zentrum, Soldaten besetzten das Parlament, den Flughafen, das Staatsfernsehen. Auf demselben Kanal, über den Mugabe immer wieder Revolten für gescheitert und seinen eigenen Gesundheitszustand für gut erklärt hatte, erschien jetzt ein deutlich jüngerer Mann in Flecktarn-Uniform und grünem Barett und verkündete: Das Ganze sei keineswegs eine "militärische Regierungsübernahme"; man habe es lediglich auf einige "Verbrecher" im Umfeld des Präsidenten abgesehen, die für "soziales und wirtschaftliches Leid" im Land verantwortliche seien.

Sobald man die Mission erfüllt habe, sagte der General, werde wieder "Normalität" einkehren. Vor allem wolle man der Nation versichern: "Seine Exzellenz", Genosse Mugabe, sei samt seiner Familie wohlauf und in Sicherheit. Versöhnliche Worte, denen aber die Warnung folgte: "Jeglicher Provokation" werde man mit einer "angemessenen Antwort" begegnen.

Das also soll keine militärische Regierungsübernahme sein? Glaubwürdig ist eine solche Versicherung allenfalls dann, wenn man konzediert, dass auch zuvor schon de facto das Militär die Hebel der Macht umklammerte. Robert Mugabe, der Veteran des Befreiungskampfes gegen das rhodesische Rassisten-Regime, hat sich von Anfang an mit einem Machtzirkel aus Kriegern umgeben.

Eskalation eines Konflikts

Schon in den ersten Jahren seiner Macht ließ er Tausende Oppositionelle und Zivilisten vom Volk der Ndebele im Süden des Landes niedermetzeln. Seither hat er ein immer engeres Sicherheitsnetz aus Armee, Geheimpolizei und Schlägertrupps in Zivil um sich herum gesponnen. Und seine Schergen dürfen sich an den Rohstoffen des Landes üppig bedienen: Erst im September veröffentlichte die Organisation Global Witness einen Bericht, demzufolge hohe Vertreter der Sicherheitskräfte sich systematisch an Diamanten aus den Marange-Feldern im Osten Simbabwes bereichern. Das Volk profitiere wenig von den Bodenschätzen, so lautet eine Schlussfolgerung des Reports, stattdessen finanzierten die Diamanten staatliche Sicherheitskräfte, die an der "Unterdrückung" des Volkes beteiligt seien.

Der jetzige Putsch, der nicht Putsch heißen soll, ist denn auch weniger ein Befreiungsschlag für das verarmte simbabwische Volk als die Eskalation eines lang schwelenden Konflikts zwischen zwei Fraktionen in Mugabes Machtapparat. Auslöser war Mugabes Entscheidung vergangene Woche, den Vizepräsidenten Emmerson Mnangagwa zu feuern - um seiner Ehefrau Grace den Weg in das Amt zu bahnen.

Die Generäle, die jetzt mit ihren Panzern in Harare aufgefahren sind, sind Unterstützer des geschassten Vizepräsidenten - der zuvor jahrzehntelang ein treuer Weggefährte Mugabes war. Bis heute hat er breiten Rückhalt unter Veteranen des Befreiungskampfes. Deren Vorsitzender Chris Mutsvangwa sagte, das "Ende eines sehr schmerzlichen und traurigen Kapitels in der Geschichte einer jungen Nation" sei gekommen.

Doch das folgende Kapitel muss erst geschrieben werden; die Details könnten noch reichlich Konflikte auslösen. Vielen Simbabwern dürften die Worte im Ohr klingen, die Mugabe in Variationen schon in den vergangenen Jahren wiederholt hat: Er sei "wie Jesus", er habe es noch immer geschafft, in der einen oder anderen Weise wiederaufzuerstehen.

Putsch unter Dieben

Robert Mugabe war der letzte Große aus der Riege der afrikanischen Unabhängigkeitskämpfer. Aber auch er hat sein Land betrogen und unterjocht. Wenig spricht dafür, dass die Putschisten besser wären. Kommentar von Bernd Dörries mehr...