Polizist über Hooligan-Demo "Heute kommen wir vielleicht nicht heil nach Hause"

Beamte in Schale und Helm - Bereitschaftspolizisten bei der Hooligan-Demonstration in Köln.

(Foto: dpa)

Er lief neben dem Wasserwerfer her. Flaschen und Fahrräder und Steine flogen in seine Richtung. Sebastian Hillebrand war als Bereitschaftspolizist bei der Hooligan-Demonstration in Köln im Einsatz.

Von Bernd Dörries, Bochum

Es ist kurz nach elf Uhr am Vormittag, die Kantine im Polizeipräsidium Bochum hat gerade aufgemacht, die ersten lassen sich ein schönes Jägerschnitzel mit Pommes und reichlich Soße und Mayonnaise und einem klitzekleinen Alibisalat auf die Teller heben. "Diätteller", nennen sie das und lachen - Kantinenhumor.

Sebastian Hillebrand bestellt eine Cola und setzt sich in einen kleinen Nebenraum; die Polizeipräsidentin hat sich das so gewünscht, weil die Kantine ja ein quasi öffentlicher Raum ist im Polizeipräsidium. Es war vielleicht ein kleiner Hinweis, dass Gespräche mit Journalisten nicht unbedingt ganz oben auf dem Wunschzettel der Führung stehen, vor allem, wenn es um ein heikles Thema geht, die Hooligan-Krawalle vom vergangenen Sonntag in Köln.

Bereitschaftspolizisten müssen den Kopf hin halten

"Das war eine neue Dimension der Aggression. Das stellt alles bisherige in den Schatten. Die haben die Gewalt richtig zelebriert." Hillebrand ist 29 Jahre alt, hat blonde kurze Haare und blaue Augen. Er spielt im Eishockeyteam der Polizei, und das sieht man auch. Breite Schultern, fester Blick. So stellen sich vielleicht viele die Bereitschaftspolizisten vor, die man ja nie in Zivil sieht, die sich sonst in einem Kokon aus Schutzmontur und Helm befinden.

"Den Kopf hin halten", so könnte man das Berufsbild eines Bereitschaftspolizisten beschreiben. Wenn irgendwo in Deutschland gegen etwas demonstriert wird, dann ist er oft der Stellvertreter dieses Etwas; derjenige, an dem die Demonstranten ihre Wut auslassen, die sich gegen die Politik richtet, gegen den Staat. Das war vielen Demonstrationen so. Bullenkloppen war zum Sport geworden, und auch die Polizisten waren oft nicht zimperlich.

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Was sind das also für Leute, die sich jedes Wochenende in Schale mit Helm werfen? Die mit Mannschaftsbussen durch das Land fahren und damit rechnen, dass es heute wieder brenzlig wird?

Gewaltpotenzial in allen Lagen gestiegen

"Wir sind Leute wie Du und Ich", sagt Hillebrand. Er wollte schon immer zur Polizei gehen, weil er schon immer gerne zum Fußball gegangen ist. Die Atmosphäre da, die Menschenmassen, das hat ihm schon immer gefallen, so fing das an. Nach Abitur und Zivildienst hat er bei der Polizei angefangen, seit sechs Jahren ist er nun dabei. Jahre, in denen sich viel verändert habe. Dass der Respekt gegenüber den Beamten generell nachgelassen habe, das möchte er nicht sagen, das sei zu pauschal. "Aber die Gruppen, auf die wir treffen, werden immer aggressiver. Das Gewaltpotenzial ist in allen Lagen gestiegen."

Als sie am Sonntag nach Köln gefahren sind, da war im Einsatzbefehl von 1500 Leuten zu lesen, die dort erwartet würden, bei der angemeldeten Demonstration von Hooligans gegen Salafisten. Was ganz am Anfang wie ein Witz klang, wie eine seltsame Parodie, wie Hooligans für die Bewahrung der Schöpfung und der Werte des Abendlandes - das entwickelte im Netz über die Wochen eine ziemliche Dynamik. Mehr als sechstausend hatten ihr Kommen angekündigt, die Polizei blieb bei ihren 1500 zu erwartenden Hools. Es wurden dann dreimal so viele. "Klar waren wir darauf vorbereitet, dass es ein schwieriger Tag werden könnte. Aber dass es so viele werden, das hätten wir nicht gedacht." Fast 50 seiner Kollegen wurden verletzt, einer auch schwer.

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Drei Hooligans kamen auf einen Polizisten

Hillebrand stand mittendrin, er lief neben dem Wasserwerfer her, der auf die Hooligans spie. Flaschen und Fahrräder und Steine flogen auf die Polizisten. Am Anfang noch versuchte Hillebrand das, was man auf der Polizeischule "Einsatzbegleitende Kommunikation" nennt. Er hat den Demonstranten zugerufen, sie mögen doch friedlich sein, der Erfolg war überschaubar, an die Leute sei man gar nicht mehr herangekommen. "Wir hatten schon das Gefühl, heute kommen wir vielleicht nicht heil nach Hause." Es war wohl auch viel Glück dabei, dass nicht mehr passierte. Drei Hooligans kamen auf einen Polizisten, Polizeiketten wurden durchbrochen, ein Bus umgeworfen. Viele Polizisten hatten das Gefühl, es hätte auch schlimmer kommen können. Den Geschäften im Hauptbahnhof haben sie gesagt, wir können euch nicht schützen, macht die Läden zu.

Auf dem Weg nach Hause war die Stimmung nicht gut im Polizeibus, sagt Hillebrand, die Kollegen fragten sich: "Gibt es jetzt mehr solcher Einsätze? Auch die Partner und Familien beunruhigt das."

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Die Einsatzbücher sind voll bei Hillebrand und seinen Kollegen, am Dienstag geht es wieder zur Champions League, Dortmund gegen Galatasaray. Früher haben sie wenigstens noch ein bisschen vom Spiel mitbekommen, mittlerweile hat sich die Polizei aus den Stadien in Nordrhein-Westfalen eher zurückgezogen.

Die Kollegen müssen künftig öfter ran

Es ist ein interessantes Konzept von Innenminister Ralf Jäger, der den Fans und Vereinen mehr Verantwortung geben will für die Sicherheit im Stadion. Ein Wunsch, den die Fangruppe der Ultras schon lange hatte. "Grundsätzlich gut", findet Hillebrand die Idee. Es geht auch darum, Kosten einzusparen, und darum, überhaupt noch genug Personal zu haben, wenn anderswo etwas passiert. Am Sonntag in Köln hätte die nordrhein-westfälische Polizei gar nicht mehr Bereitschaftspolizisten zusammenziehen können, selbst wenn sie gewollt hätte. Alle anderen waren beim Fußball.

In den kommenden Jahren werden es nicht mehr Beamte werden als bisher. Hillebrand und seine Kollegen müssen noch öfter ran, die Zeit zur Regeneration wird kürzer. Es wird härter werden. Trotzdem: Er komme jeden Morgen mit einem Lächeln zur Arbeit.

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