Plagiats-Affäre der Bildungsministerin "Es gab schwere Fehler in dem Verfahren"

Der Ton in der Debatte um Plagiate und um das Paraphrasieren sei heute ein anderer, sagt dazu beispielsweise Wolfgang Löwer, Rechtsprofessor und Fachmann für Wissenschaftsrecht an der Universität Bonn und Ombudsmann der DFG im Gespräch mit Süddeutsche.de. "Früher war man da vielleicht etwas großzügiger." Dennoch: Damals hätten die gleichen Maßstäbe gegolten, die die Prüfer in Düsseldorf auch heute anlegen würden.

Ernst-Ludwig Winnacker, ehemaliger Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, hält die ganze Sache für "eine politische Aktion". Die Zitierweise in Paraphrasierungen könne kein Fehlverhalten sein, sie sei eine Ermessensfrage. Nehme man die Vorwürfe ernst, wäre es kaum mehr möglich, weiter wissenschaftliche Arbeiten in gewohnter Weise zusammenzufassen.

Doch nicht nur über wissenschaftliche Regeln und Zitiergewohnheiten streiten die Experten. Auch am Verfahren selbst gibt es Kritik. Der Präsident der Humboldt-Stiftung, Helmut Schwarz, sagte der SZ: "Es gab schwere Fehler in dem Verfahren - die Universität sollte nun eine zweite Person bitten, die Vorwürfe sachlich zu prüfen." Und der Präsident der DFG, Matthias Kleiner, erklärte, er sei "schon irritiert, dass in einem strikt vertraulichen, personenbezogenen Verfahren ein Gutachten an die Öffentlichkeit gerät, noch dazu bevor es von dem zuständigen Gremium bewertet wurde". (Wegen des Verdachts auf Weitergabe von vertraulichen Informationen hat die Hochschulleitung der Heinrich-Heine-Universität mittlerweile Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt.) Der Vorsitzende der Helmholtz-Gemeinschaft, Jürgen Mlynek, zeigte sich verwundert, dass die Arbeit offenbar nur von einem einzigen Hochschullehrer geprüft worden sei.

An der Universität Düsseldorf, aus der das vernichtende Gutachten gegen die CDU-Politikerin durchgesickert war, herrscht jedenfall Nervosität. Die Campus-Uni sieht sich an den Pranger gestellt. Und noch immer ist unklar, wie das eigentlich vertrauliche Gutachten an die Öffentlichkeit gelangen konnte - ohne eine weitere Prüfung. Rektor Hans Michael Piper hat eigene Nachforschungen der Heinrich-Heine-Uni angekündigt.

Was wird Schavan jetzt tun?

Schavan wird schnellstmöglich eine Art Gegengutachten anfertigen. Für ihre Verteidigungsstrategie wird sie sich dabei die Argumente der sie verteidigenden Wissenschaftler zu Eigen machen. Handwerkliche Fehler, die Schlamperei einer jungen Studentin: ja. Schwerwiegende Täuschung mit Vorsatz: nein. Am Ende wird die Frage stehen: In welcher Form ist das sinngemäße Wiedergeben fremder Texte erlaubt? Schavan wird versuchen, diese Frage für sich möglichst großzügig zu beantworten; wohl auch unter Hinweis auf die veränderten Maßstäbe, die an wissenschaftlichen Arbeiten heute angelegt werden - im Vergleich von vor mehr als 30 Jahren.

Wie geht das Verfahren jetzt weiter?

Ist Annette Schavan eine akademische Betrügerin? Noch ist nichts entschieden. Es geht in der Diskussion bislang hauptsächlich um die Vorwürfe eines einzelnen Gutachters. Der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität hat noch keine abschließende Empfehlung abgegeben. Dieser besteht aus drei Professoren, zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern und einem Studentenvertreter. Der Ausschuss wird am Mittwoch beraten, bevor er schließlich eine Empfehlung an den Fakultätsrat gibt.