Piraten verabschieden Marina Weisband Auf Wiedersehen, @Afelia

Zehn Minuten, dann ist Schluss. Marina Weisband alias "Afelia" verabschiedet sich auf dem Bundesparteitag mit einer kurzen Rede von den Piraten und zieht sich vorerst ins Privatleben zurück. Der Partei wird die politische Geschäftsführerin fehlen, ihr Comeback wird sehnsüchtig erwartet werden. Wer sonst kann für die Piraten sprechen, ohne von ihnen gegrillt zu werden?

Ein Kommentar von Hannah Beitzer, Neumünster

Es ist wieder so ein Marina-Moment, als die politische Geschäftsführerin der Piraten die Bühne betritt. Ein bisschen Drama muss schon sein, an Marina Weisbands letztem Tag im Vorstand: Sie trägt ein bodenlanges weißes Spitzenkleid und eine Blume im Haar. "Wir waren jung und wir waren klein, aber wir haben schon Geschichte geschrieben", ruft sie der Partei zu, die in den letzten Monaten immer mehr zu "ihrer" Partei wurde.

Die scheidene Bundesgeschäftsführerin Marina Weisband (links) im Gespräch mit dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Piraten, Bernd Schlömer: "Wir waren jung und wir waren klein, aber wir haben schon Geschichte geschrieben."

(Foto: dpa)

Was sie antreibt? "Es ist der Glaube daran, dass wir Menschen mehr zutrauen können, als es im Moment geschieht", sagt sie. Sie wünscht sich, "dass wir alle einen geilen Vorstand wählen".

Dann ist Schluss. Nicht einmal zehn Minuten hat ihre vorerst letzte Rede gedauert. Weisband tritt nicht wieder als politische Geschäftsführerin an, sie zieht sich ins Privatleben zurück. Vorerst zumindest. Ein Jahr solle ihre Auszeit dauern, hat sie erklärt. Der Diplomarbeit und der Gesundheit zuliebe.

Von Talkshow zu Talkshow

Es spricht für ihr politisches Gespür, dass sie zum Auftakt des Bundesparteitags der Piraten in Neumünster schnell anderen das Feld überlässt. Dass sie nicht länger im Rampenlicht steht als nötig. Dass sie sich nicht weiter zu Ikone stilisieren lassen will.

Weisband, das muss man so sagen, ist ein Naturtalent. Sie ist eloquent, formuliert druckreif und schafft es, noch die übelsten Wortgefechte mit politischen Gegnern durch ihre moderierende Art zu entschärfen. In den vergangenen Monaten kam die Frage auf, ob sie bis zum Bundesparteitag durchhalten würde. Da war das ständige Tingeln von Talkshow zu Talkshow, die vielen Interviews, die ständigen Skandale und Skandälchen ihrer Partei, die sie erklären, ja am liebsten sofort lösen sollte.

Deswegen ist es klug von ihr, sich zum jetzigen Zeitpunkt zurückzuziehen - zu groß wäre sonst die Gefahr gewesen, dass sie noch vor dem Bundestagswahlkampf ausgebrannt gewesen wäre. Nun kann sie ein Jahr Luft holen, sich vorbereiten, das Erlebte verarbeiten - und dann die Piraten in den Bundestagswahlkampf führen, sofern es die Partei möchte.

Was ist schon ein Jahr?

Weisband geht auch dem Überdruss aus dem Weg. Früher oder später geht jeder Hype den Leuten auf die Nerven. Darauf hätte man auch bei ihr nur zu warten brauchen. Bald hätte man ihre gewählte Ausdrucksweise vielleicht nicht mehr als eloquent empfunden, sondern als altklug. Und war das nicht ein bisschen bigott, erst der Twitter-Öffentlichkeit einen Verlobungsring zu präsentieren und sich dann darüber zu wundern, dass Medien wie Bild und Spiegel Online darüber berichten?

Wenn Weisband hingegen jetzt geht, dann bleibt sie die hoffnungsvolle junge Aufsteigerin - die nur mal Pause macht. Was ist schon ein Jahr?

Den Piraten wird sie allerdings fehlen. Weniger, weil sie telegen und souverän im Umgang mit Medien ist. Die Öffentlichkeit wird bald ein neues junges Gesicht bei den Piraten finden, das sie fasziniert. Für die Piraten wird es schwierig werden ohne Afelia, wie sich Weisband bei Twitter nennt, weil sie so ziemlich die einzige Führungspersönlichkeit in der jungen Partei ist, auf die sich auch intern alle einigen konnten.

Flausch-Storm statt Shitstorm

Gab es einen Skandal, wie etwa um den Umgang mit braunem Gedankengut in der Partei, war sie diejenige, die warnte und Gehör fand. Jeder andere Spitzen-Pirat kann kaum eine subjektive Äußerung tun, ohne sich einen Shitstorm einzufangen - Marina Weisband erhielt haufenweise #Flausch-Tweets. Wer allzu oft in Talkshows zu Gast ist, steht bei den Piraten schnell im Verdacht ein Ego-Schwein zu sein - Marina Weisband wurde für ihre Auftritte beklatscht.

In einer Partei, die sonst höchstens grummelnd zulässt, wenn sich einer der ihren medial in den Vordergrund spielt, ist das ein mittleres Wunder.

Deswegen ist es gut für die Piraten, wenn Weisband für den Bundestagswahlkampf zurückkommt. Denn dann werden sie jemanden brauchen, der ihren Laden zusammenhält, nach innen und nach außen. Und vor allem jemanden, der für die Partei sprechen kann, ohne dafür von ihr zerlegt zu werden.

Ob auch Weisbands Nachfolger diese Fähigkeit hat, muss sich erst noch zeigen.