SPD-Parteitag Nahles: "Heute durchbrechen wir die gläserne Decke"

Die SPD wählt in Wiesbaden Andrea Nahles als erste Frau zur neuen Parteivorsitzenden. Die Favoritin schneidet schlechter ab als gedacht - ihre Herausforderin Simone Lange sichert ihr nach der Wahlniederlage ihre Unterstützung zu. Verfolgen Sie den Parteitag im Livestream.

Ein "historischer Moment" sei das, sagt der kommissarische SPD-Vorsitzende und Finanzminister Olaf Scholz am Parteitag in Wiesbaden. Schließlich werde an diesem Tag erstmals eine Frau an die Parteispitze gewählt, "ein Fortschritt, der lange fällig war".

Beide Kandidaten für diesen Posten sind an diesem Sonntag weiblich, Andrea Nahles in der deutlichen Favoritenrolle. Es gilt als sicher, dass Nahles gewählt wird. Mit Spannung wird allerdings erwartet, welches Ergebnis sie nach den Personalquerelen der vergangenen Wochen erzielt.

Ihre Herausforderin Simone Lange, die Oberbürgermeisterin von Flensburg, könnte ihren Sieg deutlich trüben. Beide Kandidatinnen haben vor der Wahl, die für den frühen Sonntagnachmittag angesetzt ist, eine halbe Stunde Zeit bekommen, um sich den Delegierten vorzustellen.

Lange: "Mich zu wählen, bedeutet Mut"

"Ich weiß, dass viele von euch denken, dass ich hier chancenlos ins Rennen gehe", sagt Lange in ihrer Rede. "Ich frage euch trotzdem: Wollen wir einen neuen Aufbruch wagen. Meinen wir es ernst? Mich zu wählen, bedeutet Mut. Die Entscheidung liegt bei euch."

Die SPD-Politikerin kritisiert anschließend auch Hartz IV. Die in der SPD sehr emotional geführte Debatte über die Agenda-Politik von Ex-Kanzler Gerhard Schröder sei keine "Vergangenheitsdebatte", denn Hartz IV sei für Millionen Menschen Alltag, sagt die Oberbürgermeisterin von Flensburg. Die SPD habe in Kauf genommen, dass heute Menschen arm seien, obwohl sie Arbeit hätten. "Dafür möchte ich mich bei den Menschen, die es betrifft, entschuldigen."

"Mein Name ist Andrea Nahles, ich bin 47 Jahre alt." So beginnt Nahles im Anschluss an Lange ihre Rede und betont, dass sie ihre Karriere nicht in die Wiege gelegt bekomme habe. Dass sie nun da stehe, verdanke sie ihren Eltern, dem Bildungssystem, aber vor allem: der SPD. "Heute durchbrechen wir die gläserne Decke", sagt Nahles und bedankt sich bei allen Frauen, die das möglich gemacht haben.

Die Favoritin für den SPD-Vorsitz sieht die demokratische Grundordnung durch Rechtspopulisten in Gefahr. "Die Rechten suchen nicht die Auseinandersetzung mit den Starken. Sie kämpfen gegen die Schwächsten", sagt Nahles mit Blick auf den AfD-Aufstieg in Deutschland. Es sei hochgefährlich, ihre Argumente nachzuplappern. "Diese Kräfte sind nicht das Volk, sie sind ein Angriff auf das Volk."

Nahles verlangt Antworten und Ideen für eine Sozialstaatsreform. Sie warnt jedoch vor vorschnellen Schlüssen: "Wenn wir sagen, wir schaffen Hartz IV ab oder wickeln die Agenda 2010 ab, haben wir noch keine einzige Frage beantwortet."

Eine Parteichefin allein macht noch keine Gleichstellung

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