Parallelwelt konservatives Amerika Was uns nicht passt, wird ausgeblendet

Ist Fox News schuld an der Niederlage von Mitt Romney? Kritische Konservative werfen den Republikanern vor, die Realität auszublenden und sich in einer "Medienblase" einzunisten. Der Basis werde vorgegaukelt, dass die Konservativen die Mehrheit im Land seien. Die Elite sei zu feige, die Partei zu modernisieren.

Von Matthias Kolb, Washington

David Frum ist bekannt in der amerikanischen Medienwelt. Als Redenschreiber für George W. Bush hat er den Ausdruck "Achse des Bösen" erfunden und arbeitete 2008 als Berater in der Präsidentschaftskampagne von Rudy Guiliani. Einige Tage nach Obamas Wiederwahl saß Frum im TV-Studio von "Morning Joe" auf MSNBC und schimpfte: "Die Republikaner sind ausgenommen, belogen und betrogen worden."

Frum glaubt zu wissen, wer Schuld an der Niederlage der Republikaner sei. Der conservative entertainment complex. Der besteht aus dem Kabelsender Fox News, Talkradios und diversen Blogs, so Frum. Seine Diagnose: Zu viele Republikaner leben in einer Medienblase und ignorieren alles, was sie stört oder als Bedrohung empfinden. Klimawandel sei nur das bekannteste Beispiel.

"Medienblase", "Parallelwelt", "Phantasieland" - seit dem Auftritt des konservativen Masterminds Karl Rove, der sich am Wahlabend im Fox-News-Studio weigerte, die Realität der Wahlniederlage zu akzeptieren (mehr in diesem Wahlblog-Beitrag), diskutiert Amerika darüber, welchen Einfluss die konservativen Medien in diesem Wahlkampf hatten. Nicht nur der TV-Satiriker Jon Stewart ergötzt sich an der Szene, als Moderatorin Megyn Kelly Rove fragt, ob er diese Zahlenspiele nicht nur vorbringe, damit er sich als Republikaner besser fühlen könne.

Schlimmer allerdings ist, dass der bekennende konservative Frum die Finger in die Wunden der Grand Old Party legt, einer Partei, die gerade ihren Kurs sucht (mehr zur internen Debatte hier). Für Frum geht es nicht nur um die Niederlage von Mitt Romney, sondern darum, dass die Republikaner nur in einer der vergangenen sechs Präsidentschaftswahlen die Stimmenmehrheit gewinnen konnten. Gnadenlos zählt er die Probleme auf: Die Aktivisten seien zu radikal, die reichen Spender besessen davon, dass die Apokalypse bevorstehe. Und die Partei-Elite? Zu feige, diesen Gruppen und dem conservative entertainment complex zu widersprechen.

Eine Partei, die Tatsachen bewusst ignoriere (mehr zum Kampf der Factchecker hier), sich fast ausschließlich an Weiße richtet und die Realitäten leugne ("das Land leidet noch immer an den Folgen der schwersten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren"), könne nicht erwarten, Erfolg zu haben. Wer aus Überzeugung oder aus journalistischer Neugier vor der Wahl Fox News guckte, hörte dauernd von Romneys bevorstehendem "Erdrutschsieg" (gut bilanziert in diesem Video) - und davon, dass der New York Times-Statistiker Nate Silver keine Ahnung habe. Es kam bekanntlich anders.

David Frum ist mit 52 nicht mehr der Jüngste, doch seine Kritik ähnelt der Wahrnehmung vieler Konservativer um die 30. "Wir sind wie die Linke in den Siebzigern - wir leben auf einer Insel", zitiert Jonathan Martin einen prominenten Republikaner in seinem exzellenten Artikel für Politico über den "konservativen Medien-Kokon". Eingepackt in diesen Kokon wird alles Ungewollte ausgeblendet und die eigene Meinung verstärkt.

"Die Rechte leidet darunter, dass sie in einer On-demand-Realität lebt", konstatiert der 30-jährige Blogger Ben Domenech. Und Ross Douthat, einer der konservativen Kolumnisten der New York Times, ergänzt: "Die Republikaner waren erfolgreich darin, die Medien zu kritisieren und dann ihre eigenen Sender und Websites zu schaffen. Doch nun ist daraus eine Blase geworden."