Opposition in der Ukraine Europa setzt auf Klitschko

"Oppositionführer Klitschko": Der Boxer und Politiker bei einer Kundgebung in Kiew

Das ukrainische Volk protestiert gegen die Regierung und für die Westbindung. Europa vertraut auf einen Mann: Vitali Klitschko. Der Boxer soll zum Sieger in der Ukraine aufgebaut werden. Nur was, wenn die Ukrainer das anders sehen?

Ein Kommentar von Cathrin Kahlweit

Vitali Klitschko - dieser Name steht für Siege, allerdings gilt das bisher nicht für die Politik. Zweimal hat der Profiboxer für das Amt des Bürgermeisters von Kiew kandidiert, zweimal ist er gescheitert. Mit seiner Partei Udar hatte er bei der Parlamentswahl 2012 einen Stimmenanteil von 15 Prozent angepeilt und ist, wenngleich knapp, darunter gelandet.

Nun, da das ukrainische Volk gegen die Regierung und für die Westbindung protestiert, steht vor allem der Sportler und Politiker im Visier der Weltöffentlichkeit. "Die ukrainische Opposition um Vitali Klitschko" heißt es jetzt im Westen oder "Oppositionsführer Klitschko".

Klitschko, den man in Europa kennt und schätzt, den man, durchaus zu Recht, für verlässlich und integer hält, soll zum Mann des Westens aufgebaut werden. Und zum zukünftigen Sieger in der Ukraine. Er soll unterstützt werden, weil seine rhetorischen Fähigkeiten ausbaufähig sind und es ihm an Politikerfahrung mangelt. Nur: Was, wenn die Ukrainer das anders sehen?

Die Opposition ist mehr als ein Mann - sie ist gespalten

Die Europäische Union läuft Gefahr, einen Fehler zu wiederholen, den sie schon in den Verhandlungen über das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine gemacht hat - und der mit dazu beigetragen hat, dass diese Verhandlungen gescheitert sind: Brüssel und Berlin schauen aus eurozentristischer Sicht und mit einer gehörigen Portion Selbstgewissheit auf die Verhältnisse in der Ukraine. Denn die ukrainische Opposition ist mehr als ein Mann.

Sie ist gespalten, obwohl sie sich "vereint" nennt. Ihre derzeit enge Kooperation ist der aktuellen Zwangslage geschuldet, dass eine Revolution gegen das Regime nur mit vereinten Kräften gelingen kann. Sollte, wie und wann auch immer, die Regierung dem Druck weichen und zurücktreten, sollte es Neuwahlen geben - dann spätestens kämpft jeder wieder für sich allein, dann bricht der Richtungsstreit wieder aus.

Derzeit treten immer drei Oppositionspolitiker gemeinsam auf: Klitschko, der Chef der Timoschenko-Partei, Arsenij Jazenjuk, und der Nationalist Oleg Tjagnibok. In Europas Hauptstädten nimmt man das jedoch kaum zur Kenntnis, denn die Fernsehbilder zeigen ein anderes, verzerrteres Bild. Außerdem ist da Julia Timoschenko selbst, die zwar noch im Gefängnis sitzt, aber bei einem Machtwechsel Chancen hätte freizukommen. Und es gibt wachsende, moderate Kräfte in der regierenden Partei der Regionen, die im Zweifel mehr Rückhalt im Osten des Landes haben könnten als ein vom Westen gestützter Politiker.

Klitschko ist tatsächlich einer der neuen Helden dieses Aufstandes. Derzeit ist er, wie andere Oppositionelle auch, in akuter Gefahr, weil die Behörden wegen "Umsturzplänen" gegen mehrere Aktivisten ermitteln. Schwer vorstellbar, dass der Udar-Chef und seine Mitstreiter Jazenjuk und Tjagnibok verhaftet werden. Andererseits ist derzeit alles möglich in der Ukraine, auch der Ausnahmezustand.

Die Europäische Union kann daher "ihren Mann" unterstützen. Aber die gesamte Opposition, das gesamte ukrainische Volk haben jede Hilfe verdient.

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